Eins mal vorweg. Das Foto oben ist eine
Fälschung, eine ganz billige Montage. Das ist natürlich kein echtes Biogemüse. Schließlich bin ich arbeitslos. Ungespritztes
Gemüse, frei von Pestiziden und Giften, angebaut ohne Gentechnik und ohne die
Ausbeutung von Polen, Marokkanern oder Rumänen – das fängt erst bei der
besseren Mittelschicht an.
Trotzdem wollte ich mir nach einer
weiteren fruchtlosen Woche voller Bewerbungen und noch mehr Absagen etwas Gutes
tun und stapfte in ein kleines, alternatives
Bio-Vegan-Buffet-Irgendwas-Restaurant. Ich wählte den kleinen Teller, den ich
mir dann randvoll mit Blumenkohl, Kartoffeln, Paprika und Erdnusssauce auftürmte.
An der Kasse traf mich dann der Schlag. „7,90€, bitte.“ So mancher Fleischesser
hätte sich längst darüber beschwert, dass er für solch eine Beilage niemals so
viel Geld zahlen würde. Doch ich wusste, ich kaufe weit mehr als nur Gemüse.
Trotzdem musste ich schlucken. Vor nicht einmal knapp 2 Jahren gab es diesen
Teller nämlich noch für 5,90€.
Aber ehe sich die obligatorischen Schuldgefühle
einer Hartz IV-Empfängerin, die sich auf Staatskosten Biogemüse leistet,
überhaupt hoch kommen konnten, beschloss ich lieber, es achtsam zu genießen. Man
möchte ja meinen, dass um mich herum nur Hipster, Ökos und stillende Latte
Macchiato-Mütter gesessen hätten. Doch weit gefehlt. Im Augenwinkel sah ich
die schwarzen Reihen von Anzugträgern und mir wurde klar, dass Bio längst bei
den Bürohengsten aus den umliegenden Anwaltskanzleien und Banken angekommen
ist.
Wahrscheinlich wäre es für mich billiger,
mich von Ja-Mortadella, einem Kilo Palmfett, Gummibärchen, Weißbrot und
Ja-Frühstückskorn zu ernähren, als von Obst und Gemüse. Leider bekomme ich es
da aber doch schnell am Magen. Doch Gott sei Dank habe ich einen Onkel
Mehmet-Laden, wie wir liebevoll unseren türkischen Gemüsehändler in unserem
Stadtteil nennen, in unserer Nähe. Ohne ihn könnte ich meine Gier nach Gemüse
gar nicht stillen. Trotzdem bereitet es mir schon ein komisches Gefühl in der
Magengegend, wenn man Anfang April ein 500 g-Päckchen Erdbeeren für 0,49 €
kaufen kann. Der Händler greift in die Kiste und raschelt mit der
Plastikverpackung der Erdbeeren. „Kaufen, billig, billig“, brüllt er dabei, als
würde er ein buddhistisches Mantra wiederholen. In solchen Momenten bekomme ich
doch Hemmungen zu zugreifen. Ich mache mir nichts vor. Irgendwoher muss dieser
Preis kommen. Oder der Kram ist irgendwo vom Laster gefallen.
Noch zu meiner Studentenzeit habe ich
das Buch „Arm, aber Bio“ von Rosa Wolf gelesen. Die Autorin, zu dieser Zeit
selbst arbeitslos, wagte das Experiment, sich allein von dem schmalen
Hartz-IV-Satz komplett biologisch zu ernähren. Neben Spar- und Rezepttipps,
erzählt sie, wie sie die Hürde der Verköstigung ihrer Gäste meistert. Denn
eines ist mal klar: es ist sehr, sehr mühsam, sich streng aus biologischem Anbau
zu ernähren. Sie verbringt viel Zeit damit, Angebote zu vergleichen und fährt
auch mal bis ans andere Ende der Stadt, wenn dort günstige Angebote zu
ergattern sind. Die Abwechslung auf dem Teller ist nicht gerade groß. Viele
Produkte fallen sogar ganz weg, wie Kaffee oder Fleisch. Dennoch zieht sie das
Fazit, dass es möglich ist, wenn auch unter großem Verzicht und Einschränkung.

Die kleine Tabelle hier zeigt, dass
einem Hartz IV-Empfänger in der Regel 141,65€ monatlich für Nahrung und
alkoholfreie Getränke zur Verfügung stehen, also 4,57€ pro Tag. Lustigerweise
decken sich die 7,90€, die für Gaststättendienstleistungen vorgesehen sind,
genau mit dem Preis für meinen Bio-Buffet-Exzess. Wenn das mal kein Zufall ist.
Und auch wenn es nichts mit dem gegenwärtigen Thema Ernährung zu tun hat,
beachte man bitte auch die satten 1,52€, die einem für Bildung zustehen. Bin
ich froh, dass ich eine Büchereikarte habe. Aber wenn ich fleißig spare, kann
ich mir auch in 40 Monaten einen Sprachkurs bei der VHS leisten. Aber das nur
by the way.
Gibt
es eigentlich noch diese Rewe-Aktion? Man konnte für 5 Euro eine Tüte mit
Lebensmitteln kaufen, die Rewe dann an die Tafel gespendet hat.
Zuerst war ich sehr angetan von dieser
Idee. Ich dachte sogar daran, dabei mitzumachen. Doch als ich in die Tüte
hineinsah, war der Anblick für mich doch mehr als ernüchternd. Ich wusste gar
nicht, was mich mehr störte. Dass dieses Armenklischee vom Spaghettiesser mit
Tomatensauce so stark bedient wurde oder dass es sich um die freudlosesten
Lebensmittel handelte, die ich je gesehen habe. Soweit ich mich erinnere,
befanden sich in der Tüte Spaghetti, Pilze aus dem Glas, Sonnenblumenöl,
passierte Tomaten, Zucker und Kamillentee. Ich kann mir jetzt wirklich nichts drögeres
vorstellen als Kamillentee. Den trinke ich maximal, wenn ich Magenbeschwerden
habe.
Schließlich entschied ich mich gegen den
Kauf dieser Tüte, weil ich dachte, dass selbst Hartz-IV-Empfänger sich diese langweiligen
Grundnahrungsmittel leisten können.
Aber nicht, dass ich hier noch falsch
verstanden werde. Ich schätze durchaus, wenn Leute oder Unternehmen sich
engagieren, abgeben, teilen und sich Gedanken machen, wie man Gutes tun könnte.
Aber Zucker und weißes, wertloses Mehl sind nicht gerade das, was ich unter
gesunder Ernährung verstehe. Ich weiß echt nicht, wann das passiert ist, aber
während Steckrüben und Pastinaken früher die Nahrung armer Leute waren, sind
sie heute zu dem Trendessen einer sehr gesundheitsbewussten und wohlsituierten
Schicht avanciert. Wer kann sich sonst auch Pastinakenschaum an Seebarsch
leisten.
Ich wäre ja mal dafür, dass Schulspeisung
eingeführt wird. Natürlich nicht gesponsert von Mäcces oder der GmbH für
halbgare Notlösungen, sondern ich denke an wirklich gesundes Essen. Und nicht
nur für die Kinder reicher Eltern, sondern für alle Kinder. Aber ach nee, da
war ja was. Ernährung ist ja Privatsache der Eltern. Also in einem abgesteckten
Rahmen. Denn für arme und einkommensschwache Eltern gilt nach wie vor die
Regel: Gegessen wird, was dir die mildtätigen Mitmenschen vorsetzen. Da darf
dann auch mal eine Träne der Rührung weggedrückt werden, wenn man den ganzen
Monat Kamillentee und Nudeln essen darf. Ist eh der Situation angemessener und zudem
besser für die Figur. Dann werden die ganzen frechen Blagen auch nicht so fett.