Dienstag, 1. Dezember 2015

Lasst uns über's Kacken reden.


Ich habe das Bedürfnis, über das Bedürfnis zu schreiben. Immer noch ein wahnsinniges Tabuthema bei Frauen. Darf man nur drüber reden, wenn man entweder der rustikal-derbe Kumpeltyp, schon ewig miteinander befreundet ist oder eine Magen-Darm-Grippe hat, die man schwer verbergen kann. Ansonsten: stillschweigen. Ignorieren. Nase pudern gehen. Sich frisch machen. Maximal „Pipi“. Dabei will ich mich austauschen, offen und bedenkenlos sagen können, wenn ich Durchfall habe, oder dass die Rote Bete von gestern die Schüssel so lustig rosa färbt oder dass die Curry-Linsen-Suppe eine Sprengkraft erzeugt, mit der man abrissreife Gebäude beseitigen könnte.

Ich behaupte, dass mehr oder weniger alle Frauen eine Kackneurose haben, die sich vielfältig äußern kann. Bei mir ist es zum Beispiel so, dass ich das große Geschäft nicht erledigen kann, wenn sich weitere Personen im Raum befinden. Es gibt nichts Schlimmeres für Frauen, als wenn ihnen auf dem Damen-WC, egal ob Bahnhof oder Four Seasons-Hotellobby, eindeutige Geräusche und Gerüche entfleuchen. Der kleinste Furz treibt uns die Schamesröte ins Gesicht und verhindert das Verlassen der Kabine, bevor nicht die unbekannten Stilettoträgerinnen vor der Tür (die sich zudem oft noch stundenlang schminken und kämmen) endlich, ENDLICH verschwinden. Nach dem Schema scheint die weibliche Mehrheit zu handeln, weshalb sich nie Eine traut, mit einem feuerwerksartigen Verdauungsakt die Grenzen des Anstands und des guten Geschmacks zu überschreiten und das Live-Kacken für Damen endlich salonfähig zu machen.

Nein, stattdessen wird sich lieber den ganzen Tag alles weggedrückt, bis man vor Bauchschmerzen kaum mehr gehen kann. Oder man macht es wie ich und nimmt auf dem Campus große Umwege und viele Treppenstufen auf sich, um seinen Lieblingsabort (da verwaist und abgelegen) aufzusuchen. Inklusive epische, innere Wutanfälle, wenn ich wider Erwarten dort von „Besuchern“ belästigt werde. Da hilft nur „Toter Mann“, also ausharren, bis die Luft rein ist. Absurd wird es, wenn zwei Frauen in Not gleichzeitig auf das Verschwinden der anderen warten und schweißbenetzt, in angespannter Stille zu ihrer persönlichen Durchfall-Gottheit beten, Gnade und vor allen Dingen Diskretion walten zu lassen.

Dieser „selektive Kack-Mutismus“, wie ich ihn nenne, ist allerdings nicht nur im öffentlichen, sondern auch im privaten Raum anzufinden. Neue Partner (diese besonders, das ist ein Kapitel für sich), neue Freunde, Bekannte und entfernte Verwandte dürfen unter KEINERLEI UMSTÄNDEN auch nur ahnen, dass man die eben verspeiste Sahnetorte wie ein normales Säugetier verdaut.

Nun interessiert es mich brennend, ob das Ganze nicht auch bei Männern zutrifft? Es muss so herrlich befreiend sein, mit der Wahl der Kabine statt des Pissoirs seine Absicht eindeutig zu machen. Männliche, wie weibliche Leser, ich freue mich auf eure Lach- und Kackgeschichten!

Kommentare:

  1. Herrlich :D
    Hab das ein oder andere bei mir selbst wiedererkannt ;) Andererseits habe ich aber auch das Glück, wenn auch nur sehr vereinzelt, Freundinnen zu haben, mit denen man um die Wette pupsen kann :D (und rülpsen auch).
    Meine lustigste Kackgeschichte ist aus dem letzten Sommerurlaub. Abends nach mehreren guten Mahlzeiten in einem ziemlich hellhörigen Hotel in Paris...der "Plumps" war so unnormal laut, dass meine Mutter im Nachbarzimmer es hören konnte, weshalb ich vor Lachen fast vom Klo gefallen wäre und meine Schwester mich irgendwann besorgt durch die Tür fragte, ob alles okay sei. Ist immer noch eine meiner Lieblingsgeschichten aus dem Urlaub, zumindest wenn man sie nicht gerade leicht pikierten Leuten erzählt :)

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  2. Hab ich noch nie drüber nachgedacht, aber genau so isses.
    Einmal hat nebenan die Prokuristin gepupst und ich dachte "Na, die traut sich was" :-)

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    1. P.S. Neue Partner: eine unmenschliche Herausforderung für jede Frau.

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    2. In jederlei Hinsicht anstrengend ;)

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  3. Hehe. Ist das nicht Serdar Somuncu´s Metier? ;-) Darüber hat er am 21. November in Berlin natürlich wieder sehr detailliert berichtet. Und der Saal hat vor Fremdscham laut geprustet.

    Ich habe selbst beobachtet, dass ich eigentlich fast nur "kann", wenn ich in völliger Ruhe vor dem PC sitze. Wenn absolut niemand in der Wohnung ist, was leider gar nicht so oft der Fall ist, so dass mein Darm die Situation dann meist schamlos ausnutzt. ;-)

    Zum Thema Frauen und Scham? Naja. Nach einigen Jahren Beziehung verliert wohl fast jede Frau ihre Diskretion und pupst mal laut los, was ja sonst nur Männer machen. Das ist jedenfalls meine persönliche Erfahrung. Auch männliche Freunde erzählen mir das ;-)

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    1. Serdar hat tatsächlich inspiritativ eingewirkt auf das Thema ;) Ich denke, nach einiger Zeit sollte es auch drin sein, sein Intimstes dem Partner zu offenbaren. Wenn ich vor jemandem pupse, ist das ein Vertrauensbeweis :D

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