Sonntag, 4. Oktober 2015

Krank vs. Pflicht



Kennt ihr das? Auf einmal wird man ständig mit einem bestimmten Thema konfrontiert. Es mag vielleicht am aktuellen Herbst liegen und dem damit erhöhten Ansteckungsrisiko für Grippe, Erkältung und co, aber ich habe mich die letzten Tage mehrfach mit Leuten darüber unterhalten, ab wann man sich auf der Arbeit krank melden darf.
Schockierenderweise erhielt ich auf diese Frage mehrheitlich nur eine Antwort: „Im Grunde gar nicht.“ Sofern man nicht gerade an Ebola oder MRSA dahinsiecht, ist Kranksein für viele Menschen in unserer Leistungsgesellschaft einfach eine Einstellungssache.
Ich bin praktisch so krank, wie meine Kollegen mir erlauben, krank zu sein. Also nicht ich entscheide, ob es mir schlecht geht, sondern andere. Sofort wird gehässig hinter dem Rücken des Mitarbeiters getuschelt, weil er sich wegen einer läppischen Erkältung gleich eine Woche krank gemeldet hat. Die faule Sau.
Mein häufiger Einwand, dass man selbst mit einer Erkältung eine komplette Grippewelle in der Firma auslösen kann, wird achselzuckend vom Tisch gefegt. Eine Erkältung ist schließlich keine Krankheit. Das Kollegenschwein markiert doch nur.
Aber es gibt nicht nur die Fraktion, die einfach neidisch auf den Büronachbarn ist, weil er mit 38 Grad Fieber heimlich zuhause eine Bazillenparty feiert, sondern auch noch die ganz Pflichtbewussten. Im Brustton der Überzeugung sagen sie, dass es ohnehin keine Alternative gibt, als zur Arbeit zu gehen. Egal wie es ihnen geht. Schließlich geht es um das Unternehmen und das Vaterland. Voller Stolz tragen sie dieses Licht von Pflichtbewusstsein vor sich her und schauen auf jeden herab, der mit laufender Nase nachhause geht. Dieser Einsatz wird spätestens dann honoriert, wenn sie tot vom Bürostuhl fallen und von der nächsten Putzfrau entsorgt werden.

In Zeiten, wo ich gearbeitet habe, führte ich um 6:00 Uhr morgens vor der Arbeit immer den gleichen inneren Dialog, wenn ich mich krank fühlte:

„Fühlst du dich jetzt wirklich krank genug? Wirklich? Vielleicht geht es ja im Laufe des Tages wieder weg. Aber du hast dich in der Nacht schon zweimal übergeben. Ja, aber wenn es dir im Laufe des Tages gut geht, dann bist du zu Unrecht zuhause geblieben. Dann reden die Kollegen wieder nach dem Motto: „Oh, sie hat wieder eine ‚Ein-Tages-Krankheit‘. Ist klar…“

In Zeiten, wo der Wegfall auch nur eines Kollegen oft schon den totalen Zusammenbruch aller Arbeitsabläufe bedeutet, finde ich es seltsam, dass die Ursache dafür beim kranken Mitarbeiter und nicht bei dem Unternehmen gesucht wird, das sich aus Einsparungsgründen weigert, genug Leute einzustellen. Wir sind so sehr dran gewöhnt, immer zu funktionieren und unserem Chef widerspruchslos zu Diensten zu sein, dass wir uns am Ende selbst belügen. Wir reden uns dann ein, es sei unsere Pflicht oder ein Zeichen von besonderer Kollegialität, wenn wir bis zum Umfallen durchhalten. Manche halten die Unterdrückung ihrer eigenen Bedürfnisse gar für eine besondere Form der Willensstärke und Disziplin, an der sich andere ein Beispiel nehmen sollten. Dabei wird es uns am Ende niemand danken.
Hierzu fällt mir ein schöner Spruch ein, den ich irgendwann einmal gelesen und seitdem niemals wieder vergessen habe:

„Wenn du auf dem Sterbebett liegst, wirst du nicht auf dein Leben zurückblicken und bedauern, dass du zu wenig Zeit im Büro verbracht hast.“

Ich hoffe, dass ich diesen Satz in Zukunft besser beherzigen werde.

Kommentare:

  1. "Manche halten die Unterdrückung ihrer eigenen Bedürfnisse gar für eine besondere Form der Willensstärke und Disziplin, an der sich andere ein Beispiel nehmen sollten."

    "Manche" ist gut. "Viele" trifft es wohl eher. Verinnerlichte Sklavenmoral, vorauseilender Gehorsam und eine grenzenlose Forderung zur Selbstentfremdung. Wir leben in wahrhaft perversen Zeiten.

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  2. Mal wieder mein Blick auf diese Frage, dass sich das nicht so einfach pauschalisieren lässt. Es hängt vieles vom konkreten Arbeitsumfeld ab. Generalisieren lässt sich der Trend, dass die Belastung in den Jobs durch Einsparungen zunehmend gestiegen ist. Damit tendenziell auch der Krankenstand.

    Aber, wer beispielsweise verbeamtet oder entfristet ist, legt oftmals ein anderes Krankheitsempfinden an den Tag als freie oder befristete Mitarbeiter. Man kann sehr genau sehen, wo und wie die Migräne noch blüht. Dann spielt neben der Branche auch die Unternehmensgröße mit rein, ob es einen Betriebsrat gibt, welche Regelungen ausgehandelt wurden. Bei uns z.B. ist es so, dass die Regelungen mitarbeiterfreundlich sind und daher auch durchaus ausgenutzt werden. Etwas so wie in der Schule mit der Fehlquote.

    Haben Mitarbeiter nichts mehr zu verlieren, weil sie nicht verlängert werden, gibt es da auch bei den wenigsten noch ein Pflichtempfinden, weiter zur Arbeit zu erscheinen, obwohl der Lohn ja gezahlt wird. Ich habe schon Fehlquoten von 50%-90% erlebt. Das Lied vom heldenhaften Mitarbeiter hängt also auch an bestimmten Faktoren. Meiner Erfahrung nach wird auf beiden Seiten hart kalkuliert. So etwas wird allerdings auf beiden Seiten auch nicht offen artikuliert, sondern es gibt natürlich eine Art Deckkommunikation, mit der man seine Interessen vertritt.

    Was den Mitarbeitertalk betrifft ist das dann noch einmal ein eigenes Thema. Da hab ich überall quer durch alle Jobs so etwas wie den Hang zum Lästern entdeckt. Anstatt sich gegenseitig zu unterstützen oder auch mal zu loben, konzentriert sich das wenn auf die Peers, während Außenstehende hinterrücks hart belästert werden. Da erweist sich dann auch die Qualität eines Vorgesetzten. Schlimmstenfalls machen die mit, ein Profi dagegen weiß genau, dass er so auf Dauer seine Teamstrukturen unterminiert.

    Persönlich denke ich, dass es hier einfach keine Crux, sondern nur ein je individuelles Kalkül gibt, sich zu verhalten. Mir ist es durchaus von Bedeutung, eine halbwegs gute Personalakte zu haben, schaue aber dabei auch hin, ob und wie mein Arbeitgeber das würdigt. Mir ist es auch wichtig, dass Kollegen und Vorgesetzte mich als zuverlässige Arbeitskraft schätzen. Was dann wiederum das Wort des Mitarbeiters in Konflikten stärkt. Besonders schwierig wird das alles unter der Voraussetzung des Arbeitszwangs durch Vermittlung der Job Center. Aber das wird dann auch wieder ein ganz eigenes Thema.

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    1. Im Großen und Ganzen gebe ich dir mit deinem Kommentar Recht. Ich beabsichtige mit meinem Text auch nicht zu generalisieren. Es sind nur meine Beobachtungen der letzten Zeit und mir ist selbstverständlich bewusst, dass diese Geschichte von vielen Faktoren abhängt. Mir war es allerdings wichtig in meinem Text zu betonen, dass das eigene Krankheitsempfinden, wie subjektiv es auch sei, nicht von anderen bewertet, beziehungsweise vorgegeben werden sollte. Kein Mensch, außer mir selbst darf darüber entscheiden, wie schlecht ich mich fühle. Aber genau diese Verunsicherung, ob man wirklich krank genug ist, beobachte ich wirklich zunehmend in meiner Umgebung. Ich kenne einige, sogar in vermeintlich 'sicheren' Berufen, die sich mit dem Kopf unterm Arm zur Arbeit schleppen, entweder weil sie die Häme der Kollegen fürchten oder sogar um ihren Job bangen. Eine Krankmeldung, sofern sie vom Arzt attestiert wurde, sollte einen Arbeitnehmer nicht in Gefahr bringen seinen Job zu verlieren. Niemand sollte dafür bestraft werden, dass er krank ist, vorausgesetzt, dass er ist wirklich krank versteht sich. Damit schließe ich auch psychische und psychosomatische Erkrankungen mit ein, die sich in jüngster Zeit auch mehr häufen. Aber hier ich rede hier keinesfalls von Menschen, die ihren Chef betrügen wollen, dem Arzt nur was vorspielen etc.

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  3. promenadenmischung7. Oktober 2015 um 10:38

    Es ist längst erwiesen, das verschleppte Krankheiten zu Folgeerkrankungen führen,
    die weitaus größeren wirtschaftlichen Schaden anrichten als es die Primärerkrankungen
    jemals hätten tun können! Aber das entspricht halt einem durchgängigen Muster unseres
    REKs (=real existierenden Kapitalismus´): aus verschleppten C-Problemchen entstehen
    mit der Zeit gigantische A-Probleme, ein Lawineneffekt …

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    1. Ich gebe dir Recht. Nur leider ist das Unterdrücken von Bedürfnissen in unserer Gesellschaft eine große Tugend geworden, so a la "Hart wie Kruppstahl usw.". Wer krank zur Arbeit geht, gilt oft als diszipliniert und stark. Ich werde allerdings nie verstehen, warum das so ist und weshalb man dies nicht anders sehen kann.

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