Montag, 4. Mai 2015

Still in einer extrovertierten Welt




Extrovertierte Menschen sind mir immer suspekt gewesen. Von Kindesbeinen an waren mir Partys oder Festivitäten, wo die Erwachsenen mit geröteten Wangen schrill und laut lachten und sich stundenlang unterhalten konnten, seltsam fremd. Als Teenager fiel es mir schwer, mich am Unterricht zu beteiligen. Wenn der Lehrer Fragen stellte, brauchte ich eine Weile um meine Gedanken zu sortieren und schwupps – hatte sich in der Zwischenzeit schon ein anderer Schüler gemeldet, dessen Aussagen zwar nicht besonders gehaltvoll, dafür aber unendlich ausschweifend waren. Lange Vorträge, auf Kommando sich präsentieren waren nie mein Ding. Ich brauche Vorbereitungszeit. Trotzdem war ich von meinem Wesen her mein Leben lang selbstkritisch und habe alles hinterfragt. Über die Jahre habe ich ein gutes Auge für Details entwickelt. Denn während die anderen herumgeplappert haben, habe ich meine Umgebung beobachtet. Es versteht sich daher von selbst, dass ich tiefsinnige Gespräche oberflächlichem Smalltalk vorziehe. Leider ist das nicht immer ein Vorteil, um neue Leute kennen zu lernen.
In einer lauten Welt, wo ausschließlich Leistung, gepaart mit Schnelligkeit zählen und angeblich zum Erfolg führen, ist es oft nicht einfach sich entsprechend zu behaupten und deutlich zu machen, dass dieses Verhalten nicht der einzige Weg ist. 

Vor einigen Monaten fiel mir ein Buch in die Hände, mit dem Titel „Die Macht der Introvertierten“ von Marti Olsen Laney. Ich gebe zu, dass mir das Etikett der Introversion früher eher wie ein Makel vorkam. Bei introvertierten Menschen denkt man an Mathe-Nerds mit Nickelbrille, die schüchtern und langweilig in der Ecke stehen, weil ihre sozialen Kompetenzen bei dem letzten Computerspiel endgültig verkümmert sind. Oder man denkt an die kleine Bibliothekarin, die in ihrem grauen Pullover und einem Dutt hinter dem Schalter sitzt und liest. Selbst ich ertappte mich oft bei dem Gedanken und wollte bloß nicht in solch eine stereotype Schublade gesteckt werden. Also versuchte ich mich anzupassen. Schließlich wollte ich nicht als langweilig gelten. Aber das verbraucht mehr Kraft, als es gibt.
Die Lektüre des Buches von Olsen Laney hat mir aber die Augen geöffnet. Seither kann ich mit diesem Thema entspannter umgehen und möchte an dieser Stelle alle Introvertierten ermutigen zu ihrer Wesensart zu stehen. Sie ist nämlich toll!
Als ich mich mit diesem Thema weiter beschäftigte, stolperte ich bei meiner Recherche auch über introvertierte berühmte Persönlichkeiten. Menschen wie Charles Darwin, Woody Allen, Clint Eastwood, Angela Merkel und sogar Barack Obama waren und sind introvertiert.

Hier ein paar Fakten über Introvertierte:

  1. Introvertierte stellen ein Viertel der Weltbevölkerung. Es gibt dazu folgende Erklärung: Extrovertierte schreiten schneller zur Tat und kommen rascher mit anderen Menschen in Kontakt. Doch sie bleiben dabei auch mehr an der Oberfläche und durchdenken die Dinge nicht immer so tiefgehend. Introvertierte dienen hier als Berater und Denker, die Projekte und Dinge langfristig vorbereiten. Da es aber für die aktive und konkrete Umsetzung mehr Menschen benötigt, als für die Planung, gibt es auch entsprechend mehr Extrovertierte.
  2. In den seltensten Fällen ist ein Mensch weder ausschließlich extrovertiert noch introvertiert. Die Tendenzen und Grenzen sind da genauso fließend, wie bei allen anderen Charakterausprägungen auch. 
  3. Introvertierte sind grundsätzlich nicht ungesellig. Sie genießen und schätzen Gesellschaft und nette Leute wie jeder andere auch. Allerdings brauchen sie dafür keine riesigen Partys. Eine Gruppe von netten, vertrauten Leuten tut es genauso gut.
  4. Introvertiertheit hat weder etwas mit sozialer Phobie, noch mit Schüchternheit zu tun. Wobei Introvertierte natürlich trotzdem darunter leiden können. Extrovertierte allerdings auch. 
  5. Introvertiert oder Extrovertiert - diese Veranlagung ist angeboren. Doofe Sprüche von Eltern oder Lehrern, wie "Reiß dich mal zusammen" oder "Geh doch mal mehr aus dir heraus." helfen da herzlich wenig.
  6. Introvertierte unterscheiden sich in ihrer Art von Extrovertierten, wie sie Energie verbrauchen und wieder aufladen. Während extrovertierte Menschen ihre Lebenskraft daraus ziehen von möglichst vielen Menschen umgeben zu sein und sich mit ihnen auszutauschen, verbrauchen Introvertierte auf diese Art eher Energie. Um neue Kraft zu tanken brauchen sie daher häufiger auch mal Ruhe und genau dies sollte man auch respektieren.

Das Thema könnte ich sicherlich noch weiter vertiefen. Aber ich belasse es erst Mal an dieser Stelle dabei. Vielleicht mag sich ja jemand outen? ;)

Kommentare:

  1. Ja gut, dann mach ich mal. Ich bin im Erstberuf tatsächlich Bibliotheksmensch (graue Pullis hatte ich nicht, Dutts auch nicht und ich kannte auch nicht jedes einzelne Buch, das die Bibliothek besessen hat auswändig). Allerdings bin ich auch froh, das nicht mehr zu sein, weil ich sehr früh gelernt habe, dass alles, jeder Beruf, der nur im entferntesten mit "Kreativität" (nicht nur im marktkonformen Sinn) oder Kunst zu tun hat, meine eigene Kunst und meinen Ausdruck lähmt. Deshalb hätte ich zum Beispiel auch nie Philosophie, was mich in der Oberstufe sehr interessiert hat, studieren können. Ich hätte mich auf Dauer innerlich getötet. Da tat mir die Ökonomie später sehr gut als Ausgleich zum "Dauerdenken" und Hinterfragen.

    Ich zähle auch zu den Beobachtern. Das widerum sauge ich aber auf wie ein Schwamm. Smalltalk kann ich gar nicht leiden, weswegen insbesondere andere Frauen mit mir nicht unbedingt gut umgehen können. Ich finde auch soziale Netwerke überflüssig, was wie ich feststellen musste heutzutage dequalifizierend für einen "echten" sozialen Kontakt sein kann. Mir saßen schon Leute gegenüber "Wie du hast kein WhatsApp/Facebook/Twitter?" und fingen beinahe an zu heulen.

    Die kleine, vertraute Gruppe kann ich bestätigen. Das sind meist ganz wenige, aber oft sehr vertraute und intensive Verbindungen. Nach außenhin wirkt das schon mal "eingeschworen", auch wenn der Begriff auf Erwachsenengruppen nicht mehr so passt.

    Und die Ruhe... Ich zum Beispiel könnte nie längerfristig mit jemandem zusammenwohnen. Das würde mich ganz arg stören.

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  2. Ich ziehe es vor, solche Begriffe nicht oder nur behelfsweise in Typologisierung zu verwandeln. Denn warum und wieso das? Geht es nicht, auch bei der genannten Lektüre, darum, sich als "okay so" zu begreifen, was dann meistens auf der Grundlage von Abgrenzungen gegenüber anderen und entsprechenden Wertungen erfolgt? Identifikation darf meiner Ansicht nach nah am Menschen und seinem Lebensweg erfolgen: Wie man aufgewachsen ist, was man gelernt hat, mit wem und was man die Zeit teilt, dann die essentiellen Werte und Orientierungen. Dass die Neigung angeboren ist, kann ich mir schwer vorstellen. Ich denke, dass wie in fast allen psychischen Bestimmungen, die frühkindliche Prägung und die anschließende Sozialisation diese Tendenz bedingen. Punkt 2 entspricht meiner eigenen Beobachtung. Es sind Begriffe für Neigungen, das Leben aber verläuft unter ständigen sozialen Einflüssen und in Phasen.

    Jenseits der Typen geht es mir so, dass ich mich in großen Gruppen nicht wohl fühle. Ich mag eher einen Menschen mir gegenüber oder die kleine mir vertraute Gruppe. Ich versuche mir aber auch die Offenheit für meine soziale Umgebung zu bewahren. Oft nehme ich wahr, wie harsch viele Menschen in sich und für sich selbst über andere urteilen, eine Wagenburgmentalität entwickeln. Ich versuche da von weg zu kommen, ein offenherziger Beobachter und aufmerksamer Zuhörer zu sein. Rein faktisch aber suche ich oft den Rückzug. Manchmal genieße ich ihn, dann aber ist es auch ein Abtauchen in die Einsamkeit und Melancholie. Eine Partnerin prägte mir einmal einen Begriff zu diesem widersprüchlichen Empfinden, damals auf das Zusammensein bezogen: Zweisam einsam. Ich muss lachen, wenn ich dazu dann an die gewohnte Ratgeberliteratur denke. Passt herzlich wenig. Aber so habe ich die schönsten Momente und Phasen in meinem Leben erlebt. Das Bedürfnis, seine eigene innere Widersprüchlichkeit zu teilen, ausleben zu können, war eine Art der Erfüllung. Ich lese gern im Umkreis der Surrealisten herum. Diese Menschen, die sich alles verkompliziert haben, weil sie sich darin zu genießen suchten. Träume, Widersprüche, Lust und Angst entspannten einen Raum, in dem man sich einzurichten suchte, ohne darin die gute bürgerliche Stube zu leben.

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