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by preussischer Widerstand |
„Heul doch!“ „Ein
Indianer kennt keinen Schmerz.“ „Weinen macht hässlich.“ „Wein doch nicht wie
ein Mädchen!“ Weinen ist ein Tabuthema. Sogar für mich. Lange Zeit rühmte ich
mich sogar damit, dass ich noch nie in der Öffentlichkeit in Tränen
ausgebrochen war. Schließlich habe ich so etwas wie Affektkontrolle. Meine
nordische Mentalität verbot es mir geradezu zu weinen. Ich heul doch nicht
wegen jedem Scheiß. Auch wenn man Frauen diesen Gefühlsausbruch mehr zubilligt,
wollte ich nie in diese Klischeeecke gedrängt werden. Am Ende nimmt mich keiner
mehr Ernst. Weinen ist unprofessionell. Allerhöchstens in meinen vier Wänden,
wo es nur mein Partner mitbekommt. Selbst meine engsten Freunde haben dieses
Vergnügen höchst selten mit mir gehabt.
Bis zu jenem Tag, wo
ich auf offener Straße, nach einem ganz grauenhaften Tag, plötzlich die Fassung
verlor und an einer Ampel zu flennen begann. Nachdem der erste Impuls der Scham
verflogen war, wurde es mir dann langsam egal, was die vorbeigehenden Passanten
wohl denken mochten. Mittlerweile glaube ich ja, man ist noch nicht wirklich in
Düsseldorf angekommen, wenn einem das nicht einmal passiert ist.
Aber kann man
eigentlich auch zu viel weinen? Diese Frage beschäftigte mich in der letzten
Zeit häufiger. Mein Freund hat dazu folgende Ansicht: „Die Tränen müssen
geweint werden. Du hast gar keine Wahl, wenn du dich beruhigen und weiter
kommen willst. Wenn du sie zurück drängst, sitzen sie fest und blockieren dich
beim Weitermachen.“
Zuerst war das für mich
schierer Bockmist. Wer ständig heult, wird noch mehr heulen und immer tiefer in
seinem Leid versinken. Dies muss unbedingt vermieden werden. Das war meine
tiefe und völlig unhinterfragte Überzeugung. Klingt ja auch irgendwie logisch
und vernünftig. Natürlich habe ich diese Überzeugung nicht selbst entwickelt.
Sie entstammt einer Prägung aus meinem Elternhaus. Dort galt stets die Regel
sich von schlechten Gefühlen irgendwie abzulenken. Am besten durch Arbeit. Weinen
war zwar erlaubt, aber bitte nicht zu lange und zu intensiv. Trennung,
Enttäuschungen, Misserfolge und Abschiede durften betrauert werden, aber es gab
eine Grenze, wo das Verständnis langsam kippte.
„Also wenn ich an deiner Stelle
wäre, würde ich jetzt allen Leuten zeigen, dass ich mich nicht unterkriegen
lasse und ihnen demonstrativ zeigen, wie gut es mir geht. Lach doch mal
wieder.“ „Aber ich bin noch nicht soweit.“ „Trotzdem kann du dich ja nicht ewig
so hängen lassen.“ „Habe ich ja auch gar nicht vor. Aber ich kann mich ja auch
nicht selbst belügen.“
Solche oder ähnliche
Dialoge habe ich öfter führen müssen. Seitdem begleitet mich der Gedanke, dass
ich zu viel weinen könnte. Aber wo ist die Grenze? Was bedeutet es überhaupt zu
weinen?
Ich halte meinen Freund
für ziemlich weise. Er wird nie müde mir zu sagen, dass jede Träne auf dem Weg
des Lebens geweint werden müsse. Kritisch lege ich den Kopf schief. Ich bin
nicht einverstanden mit dieser Aussage. „Aber die Tränen werden doch dann mehr!“
protestiere ich. „Man kommt dann da nicht mehr raus. Niemand mag Heulsusen und
Trauerklöße. Am wenigsten bei sich selbst.“ Mein Freund lächelt wie Buddha. „Es
wird nur schlimmer, wenn du glaubst, dass es schlimmer wird.“ Ah, diese
bestechende Logik, die mir auf den ersten Blick total unlogisch vorkam.
Er geht davon aus, dass
in solchen Fällen die eigene Einstellung darüber entscheidet, was für einen
persönlich wahr ist. Ich sah dies eher aus der Perspektive der Gesellschaft.
Aber irgendwann begann dieser Gedanke so sehr in mir zu arbeiten, dass ich
meine eigene Einstellung nicht länger hinnehmen konnte. Ständig predige ich,
dass ich nicht nur an eine Wahrheit glaube und dann lasse ich an dieser Stelle keinen
Widerspruch zu?! Schließlich gab ich die Suchbegriffe „weinen“ und „schädlich“ bei
Google ein und siehe da, es gab mehrheitlich die Meinung, dass weinen sehr
gesund ist. Weinen reinigt die Seele. So heißt es im Volksmund. Ein Sprichwort,
dass ich völlig vergessen hatte. Man kann nicht zu viel weinen. Selbst wenn man
an einer Depression erkrankt ist, ist nicht weinen das Problem, sondern, dass
man sich sehr schlecht fühlt. Letztlich ist es dann doch besser diesem Gefühl
Ausdruck zu verleihen, um gerade diesen inneren Stress abzubauen und wieder
offen und frei für einen Entwicklungsprozess zu sein.
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