Donnerstag, 24. September 2015

Eine Frau und ihr Fahrrad - Eine Bitte

by preussischer Widerstand


„Komm, gib mal her.“ Ein älterer Typ mit leicht osteuropäischem Akzent, der aussieht wie Julian Assange und offensichtlich in der Kindertagesklinik gegenüber meiner Wohnung arbeitet, nimmt mir den Fahrradreifen aus der Hand. Seit zehn Minuten hatte ich versucht einen neuen Fahrradschlauch unter den Mantel zu frimmeln. Nicht, dass dieser Mann das mitbekommen hätte. Er hat lediglich gesehen, dass ich versuche mein Fahrrad selbstständig zu reparieren. Nachdem ich ihm wortlos den Reifen überlasse, stopft er energisch den Schlauch in den Mantel und gibt ihn mir mit den süffisanten Worten zurück: „Aber aufpumpen kannst du ihn jetzt selber, oder?“

Also, fürs Protokoll: Ich habe nicht um Hilfe gebeten. Im Gegenteil. Als ich beschloss den Platten am Vorderrad meines Fahrrades zu reparieren, habe ich sogar überlegt, ob ich es nicht lieber im Keller unseres Hauses machen soll, anstatt im Hof, um genau solch eine Situation zu vermeiden.

Was ich für eine Situation meine?! Männer, die kommen und glauben, mir helfen zu müssen. Die glauben, sie würden mir einen Dienst erweisen, weil ich als Frau ja grundsätzlich nicht in der Lage bin, technische oder handwerkliche Vorgänge zu verstehen. Oh, da ist eine Schraube dran. Nee, da bin ich raus.
     
Ja, ich habe noch nicht oft einen Reifen geflickt oder gewechselt. Warum nicht? Weil kein Mann die Geduld hatte, es mir vernünftig beizubringen. Um dieser Hilflosigkeit zu entkommen, habe ich es mir mit Youtube-Videos selbst beigebracht. Gott sei Dank kann man ja heutzutage alles googlen. Ein Fahrradmechaniker hat mir dann alles in seinem Video ruhig erklärt und mir nichts aus der Hand gerissen, weil ich es nach fünf Minuten immer noch nicht hinbekommen habe. Verdammt noch mal, ich will die Zeit dafür haben, die ich eben dafür brauche. Wie soll ich es denn sonst lernen? Dann mühe ich mich eben 2 Stunden im Hof ab und bitte dann um Hilfe, wenn es gar nicht anders geht.
Stattdessen ärgere ich mich über mich selbst, dass ich mir wie ein kleines Mädchen den Reifen habe abnehmen lassen. Warum habe ich nicht gesagt, dass ich erstens nicht geduzt werden und zweitens nicht ungefragt Hilfe aufgedrängt bekommen möchte? Ach ja, weil ich keine undankbare Zicke sein wollte. Sagen wir doch, wie es ist. Hätte ich es abgelehnt, hätte ich dieses abschätzige Lächeln geerntet, a la: Ach, wie süß. Die will das allein machen. Mal sehen wie weit sie kommt.

Da hier in der Regel eher Männer kommentieren: Ihr müsst euch nicht angesprochen fühlen, da mir schon bewusst ist, dass nicht jeder Mann so ist und ebenso wenig möchte ich hören, dass es ja genug Frauen gibt, die sich extra hilflos stellen, damit sie nichts selbst machen müssen. Das hier ist kein Text, bei dem ich mich für irgendein Geschlecht ausspreche. Was mich nervt sind die Menschen, die in Rollenklischees denken. Solche Menschen, die sich überhaupt keine Gedanken darüber machen, was ihr Verhalten in anderen auslöst. Sobald mir ein Mensch, warum auch immer, dass Gefühl vermittelt, dass ich aufgrund meines Geschlechtes irgendwie weniger fähig oder für irgendetwas eher geeignet bin, kotzt mich das an. Selbst wenn es nett gemeint ist.


Kommentare:

  1. Was mich nervt sind die Menschen, die in Rollenklischees denken. Solche Menschen, die sich überhaupt keine Gedanken darüber machen, was ihr Verhalten in anderen auslöst.

    Ist unterschrieben.

    Auch wenn ich zum gesamten Post sagen muss, dass ich solche Erfahrungen bisher ausschließlich mit weiblichen Personen gemacht habe. Männer haben mich bis dato wenn überhaupt dann gefragt: "Kommen Sie klar?" und waren weg wenn ich sagte, dass dem so ist. Kam ich nicht klar, kam schon mal "Soll ich es Ihnen erklären oder helfen?" Damit kann ich leben. Die halten mich nicht für so per se unfähig wie das Frauen scheinbar tun. Für die bin ich wohl automatisch Kindchen. ("Die unfähige Behinderte" ist auch ein Rollenklischee.)

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    1. Hallo Ina, lange nix von dir gehört. :)

      So ein Verhalten kenne ich von Männern und auch von Frauen. Hauptsächlich von alten Onkels und älteren Arbeitskolleginnen.

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  2. Ich war da, wusste aber nicht was zu kommentieren. Und wenn ich nichts weiß, dann sage ich nichts, weil ich schon immer versuche irgendwie Sinn in meinen Kommentaren zu packen.

    Alte Onkels, da gibt es noch so eine andere "Sache", ich weiß nicht in wie weit die auch bei Frauen ohne Handicap vorkommt. Mittlerweile passiert mir das aber nicht mehr, ich sehe wohl zu alt aus und, ich glaube, ich habe auch so ein Aura von "Lass mich bloß in Ruhe" an mir.

    Ältere Arbeitskolleginnen: Das Phänomen kenne ich auch. Ich war häufig für die einfach "die Kleine", was aber noch mal anders war oder von mir anders empfunden wurde als dieses Verhalten gleich- oder ähnlich alter Frauen mir gegenüber. Bei den älteren Arbeitskolleginnen hatte das nicht diese Herablassung und in den meisten Fällen war das auch so, wenn ich dann gesagt habe "Ich kann es, ich mache es nur anders oder brauche etwas länger als du" war es auch okay. Da wurde ich dann nicht als zu doof abgestempelt. Meistens. Gleich - oder ähnlichaltrige wurden dann schon mal übergriffig oder man nahm mir die "fordernden" (seit wann ist Dateneingabe fordernd?) Arbeiten weg, all so was.

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    1. Ja, wenn man mit einer Beeinträchtigung oder Behinderung zu tun hat, hat man mit ähnlichen Klischees zu kämpfen. Kenne das aus dem eigenen Umfeld. Leider schauen sich viele Leute nicht den Mensch hinter der Behinderung, Geschlecht etc. an und stecken ihn in ihre vorgefertigten Schubladen. Am schlimmsten ist es, wenn es total gut gemeint ist. Dann wird es schwierig sich zu "wehren".
      Ungeduldige Kollegen sind ja per se ein Problem. Wenn man Dinge anders oder sogar langsamer macht als sie selbst, bringt das einige ja total auf die Palme. Deshalb wollte ich mein Fahrrad auch einfach allein und in Ruhe reparieren. Ich wollte es in meinem eigenen Tempo machen.

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  3. Den ersten Satz aus dem zweiten Absatz bitte gaaanz bald vergessen, das ist ein gut gemeinter Ratschlag ;) Es ist doch so, die sind gar nicht ungeduldig, wir haben uns nur nicht gut genug optimiert. Frag mal nach. Wir sind selber Schuld....

    Dann wird es schwierig sich zu wehren. Kommt auf den Fall an. Ich habe mittlerweile DIE Methode entwickelt bei solchen Leuten bis in die Steinzeit und zurück zu verspielen (soll mir auch recht sein): Ich erkläre was Selbstbestimmung ist, dann ist Ruhe. Dann fällt nämlich auf (weiß nicht ob die Person(en) in deinem Umfeld die Erfahrung kennen), dass das gut gemeinte oft nur der Selbstprofilierung, also dem Ego, diente bzw. dienen sollte. Für "Ich habe heute einer Behinderten geholfen" als tägliche gute Tat als Eintrag ins Glückstagebuch stehe ich nicht zur Verfügung. Finden viele Geschlechtsgenossinnen ganz schlimm, dann ist die "böse Behindi" gleich undankbar. Dass ich das nicht bin sondern eher sehr dankbar wäre wenn man sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmerte und seine Finger aus meinen ließe das ist völlig unmöglich... Obwohl ich da schon das Glück habe nicht mehr in die Altersgruppe deiner letztens beschriebenen Musterschülerinnen - wie du sie nennst - zu passen, die sind meiner persönlichen Erfahrung nach noch mal härter als die mir altersgleichen mittdreißiger Frauen.

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  4. Ich sehe das Ganze etwas differenzierter. In meinem persönlichen Umfeld und meiner bescheidenen Lebenserfahrung habe ich nicht wenig Frauen kennengelernt, die nicht nur Hilfe erwarten, sondern sie auch einfordern. Ob schwere Sachen tragen, mit dem Auto kutschieren, sich den neuesten SOAP-Tratsch anhören müssen, zum Essen einladen etc. - manchmal sind Frauen auch gerne "Frau", wenn sie sich davon persönliche Vorteile versprechen ;-)

    Ich verstehe zwar, dass Dich das ärgert auf dieses Klischee reduziert zu werden, denke aber, dass viele Männer solch ein Denken nicht deswegen haben, weil sie Frauen nichts zutrauen würden, sondern weil sie wohl ähnliche Erahrungen gemacht haben wie ich.

    Davon abgesehen, ist es letztlich viel bedenklicher, dass die soziale Empathie immer weiter abnimmt. Da werden Menschen öffentlich verprügelt, Diebstähle begangen, Leute schreien sich an - und alle gaffen nur. Niemand hilft. Das ist in Berlin trauriger Alltag. Da kann "Mann" und "Frau" doch froh sein, dass es überhaupt noch einen Rest an Hilfsbereitschaft gibt.

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    1. Ich beschwere mich ganz bestimmt nicht darüber, dass mir jemand helfen wollte. Nur leider war dies keine echte Hilfe, sondern aufgedrängt und aufgezwungen. Bevor man ungefragt irgendetwas an sich reißt, sollte man sich vielleicht doch vorher erkundigen, ob derjenige das überhaupt möchte. Ina hat es bereits mit der Behinderung angesprochen. Manchmal ist Hilfe einfach nicht erwünscht oder es wird mit dem Aufdrängen von Hilfe vom Helfenden eine ganz andere Intention verfolgt. Der Helfende will damit lediglich zeigen, dass er etwas besser kann oder wie in Inas Fall, will er sich dadurch besser und wertvoller fühlen. Das hat für mich nichts mit echter Hilfe zu tun. Der überflüssige Spruch, den mir dieser Mann am Ende gedrückt hat, wies ja deutlich darauf hin, dass er mir die ganze Reperatur nicht zugetraut hat, so nach dem Motto: "Jetzt habe ich dir schon geholfen. Ich hoffe, dass ich dir bei dem Rest nicht auch noch helfen muss." Ihm ging es lediglich darum zu zeigen, was für ein toller 'Macher' er ist.

      Zu der Tatsache, dass viele Frauen das vorherrschende Rollenklischee für ihre eigenen Zwecke benutzen: Ich hatte ja darauf hingewiesen, dass mir bewusst ist, dass es auch solche Frauen gibt. Männer reagieren somit nur auf das, was ihnen in ihrer Umgebung vermittelt wird. Wenn sie nur solche Frauen kennen und keine Lust mehr haben, immer darauf zu reagieren, kann ich das voll verstehen. Auch die meisten Männer haben keine Lust mehr auf ihr Klischee vom starken Retter reduziert zu werden. Leider kann da aber nur jeder bei sich selbst anfangen und versuchen diese Klischees zu durchschauen und seine eigene Identität zu finden.

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  5. Ich freue mich, wenn jemand hilft. Leider ist das eher selten geworden. Aber dennoch verstehe ich, worauf du hinaus willst. Ich habe da so einen Nachbarn, der hat mir über Jahre seine Hilfe regelrecht aufgezwängt. Letztlich hat er dann gewisse Gegenleistungen schon erwartet und ich bemerkte immer mehr, wie er sogar versuchte mich in Abhängigkeit zu bringen.
    Tauchte hier jemand anderes auf, der etwas übernahm, was er doch hatte machen wollen, dann war er regelrecht beleidigt.
    Letztendlich hatte das stalkinghafte Züge, weshalb nun Schluss ist mit dem ganzen Zauber. Ich höre mir viel an, aber wer meinen Mann beleidigt, den lass ich draußen erfrieren.
    Dennoch und noch einmal: Schön, wenn Menschen noch Hilfsbereit sind.
    Aber wieder bei den Klischees: Ich habe mal im Winter gegen 17:30 Uhr (also schon dunkel) auf einem Supermarktparkplatz die Scheibenwaschanlage meines Autos aufgefüllt. Also stehe ich da und habe die Motorhaube auf und fummel da herum. Mein Sohn, damals 2 Jahre, steht in der Kälte neben mir.
    Es haben mindestens 5 Männer gefragt, ob denn auch alles okay sei. Ja. Vielleicht ist man dann genervt. Vielleicht ist es ein Klischee. Aber ehrlich: Wäre etwas mit dem Motor gewesen und ich hätte da gestanden, dann hätte ich mich über jede Hilfe gefreut. Egal ob Mann oder Frau.
    Vielleicht sollten wir da einfach lernen freundlich nein zu sagen, wenn Hilfe nicht nötig ist und es als freundliche Geste sehen. Ich jedenfalls, will nicht zur Feminismusfurie mutieren.
    Schlimm fand ich ein Video, das ich in den letzten Tagen sah: Ein Mann im Anzug und mit Krücke täuscht auf der Straße einen Sturz vor. Die Passanten bleiben stehen und helfen. Dann zieht er sich an wie ein Obdachloser und wiederholt den Sturz. Keiner hilft ihm. Das macht mich nachdenklich. Ich habe das meinem Sohn gezeigt. Der war mit seinen 5 Jahren sprachlos. "Warum hilft dem Mann niemand?"
    Übrigens: Sollte jemand gerne und gut Reifen flicken: Zum mir. Ich hasse das. Und ständig ist hier was platt. Jetzt ist es die Schubkarre. :-( Und: Mein Mann kann soetwas nicht. ;-)

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