Sonntag, 6. September 2015

Die brave Musterschülerin




Leute, ich hab Urlaub. Jawohl, Urlaub. Eine ganze Woche. Wozu braucht man Ferien, wenn man auf Hartz IV ist und eh jeden Tag bis in die Puppen schlafen kann? Schätzchen, wenn ich dir das erst erklären muss, hast du’s selbst noch nie erlebt.
Aber dies soll hier heute ohnehin nicht das Thema sein. Heute beschäftigt mich eine Sache, die für mich weit schwieriger zu fassen ist, weil sie nicht meiner eigenen Lebenswirklichkeit entspringt. Ich spreche von einem bestimmten Typus Frau, der irgendwo zwischen 22 und 29 angesiedelt ist. Dieses Mädchen geht vor der Arbeit noch eine Runde joggen oder rollt ihre Pilatesmatte aus, weil es ihr ja so gut tut. Besonders, wenn sie anschließend die Bilder davon auf Instagram postet. Zwischen Obsttellern und Chiapudding sehe ich dann Fotos von neuen Sportklamotten. Ich sag nur #healthy, #cleaneating, #fitness2015. Ehrgeizig wurde das Studium durch gezogen, weil man laut eigener Aussage so neugierig auf die Arbeitswelt gewesen ist. Nach dem Bachelor, der brav in Regelzeit absolviert wurde, schließt sich direkt der Master an. Vielleicht sogar ein Doppelmaster, weil man ja noch ein paar freie Stunden am Tag übrig hatte.  Selbstverständlich in einer anderen Stadt, weil das alle so machen. Schnell wird noch das Auslandsemester dazwischen geschoben, ohne welches du heute ja praktisch keinen Job mehr bekommst. Alles für den künftigen Arbeitgeber. Der soll anhand all dieser feinsäuberlich geplanten Lebensstationen ableiten, wie fleißig und ehrgeizig du bist.
Wer diese Messlatte überhaupt so hoch gelegt hat und warum dieser Sprint durch das Studium überhaupt nötig ist, braucht ein kluges Mädchen doch gar nicht hinterfragen. Das ist einfach so. Ist eben alles eine Frage der Organisation. Das ist das Zauberwort. So lässt sich sogar noch ein Kind zwischendurch bekommen, die Wohnung wie aus der Ikea-Werbung dekorieren und mit dem Hund am Strand spazieren gehen. O r g a n i s a t i o n – du faule Sau. Genauso wie die glänzenden Haare und der straffe Body. Da muss sich die Frau von heute eben ein bisschen zusammenreißen. Am Ende des Tages ist sie zwar völlig kaputt, aber super happy, weil alles geklappt hat.
Ich sehe diese Frauen mittlerweile überall. Besonders verbreitet ist diese Krankheit der unkritischen Perfektionistin unter Bloggerinnen. Der Werdegang ist immer gleich. Süße Studentin, DIY, romantische Hochzeit, Kakao, Mode, vielleicht erstes Kind/ tolle Karriere in einem stylischen Loft mit Blick auf einen Bonsaigarten oder sogar beides - #dankbar, #cozy, #kostbareAugenblicke, #ichmusskotzen. Es ist nicht mehr als das trügerische Abbild eines bis zu Unkenntlichkeit bearbeiteten Hochglanzmagazins namens Leben.
Doch ich will mal nicht ungnädig sein. Frauen sollten sich schließlich gegenseitig unterstützen und sich nicht untereinander ständig kritisieren.  Das sind doch disziplinierte, studierte, selbstständige und sogar hartarbeitende Frauen, die bestimmt auch was zu sagen haben. Angeblich sind die ja in der Welt herum gekommen, haben in verschiedenen Ländern gearbeitet.  Nächste Woche steht sogar ein Geschäftstermin in Stockholm an und zwischendurch fährt man noch von seinem aktuellen Wohn-/ Arbeitsort in London für ein Wochenende nachhause zur Family, weil man doch im Herzen so häuslich ist. Doch sobald ich versuche mit ihnen ins Gespräch zu kommen, bin ich jedes Mal enttäuscht, wie wenig sie eigentlich über das aktuelle Tagesgeschehen wissen, geschweige denn eine eigene Meinung dazu entwickelt haben, die etwas über das übliche Betroffenheitsgerede hinaus geht.
Da sitze ich ernsthaft mit jungen Frauen zusammen, die tatsächlich glauben, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter absolut geglückt und damit auch kein Thema mehr ist. Oder neulich sprach ich mit einer mitten im Berufsleben stehenden, wirklich hochqualifizierten Dame, die mir erklären wollte, dass sich die sozialen Standards bei gewissen Modeanbietern nachhaltig verbessert hätten. Haben die Pressesprecher ihr das erzählt und ihr artig versichert, dass sie sich wirklich bessern wollen, oder was?
Seit wann glauben junge Frauen eigentlich alles, was ihnen erzählt wird, wie naive Schulmädchen? Seit ihnen die Universität keinen kritischen Umgang mit Informationen mehr beibringt oder spätestens, wenn ihnen ihr Arbeitgeber eigenes Denken verbietet?


Kommentare:

  1. Da sitze ich ernsthaft mit jungen Frauen zusammen, die tatsächlich glauben, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter absolut geglückt und damit auch kein Thema mehr ist.

    Wenn man mit Feminismus und Emanzipation vor allem das Mitmachen im neoliberalen Leistungswahnsinn verbindet (wie beispielsweise die tollen Grünen oder die TAZ-Feministinnen), dann ist die "Gleichberechtigung" wohl geglückt. Aber wehe der Frau, die sich dem verweigern will! Die wird dann von den "Frauenrechtlerinnen" (!) fertig gemacht, wie beispielsweise Eva Herman.

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    1. promenadenmischung7. September 2015 um 14:19

      Karrierefrau wie aus dem 3D-Drucker – fein säuberlich gestapelte Lebensstation –
      Lackschicht auf Lackschicht. Warum hat sowas eigentlich noch Vor- und Familiennamen?
      Brauchen wir eigentlich noch den gesamten Wirtschafts- und Wissenschaftsaufwand
      zum Klonen von Lebewesen, wenn DIE das schon von sich aus tun?

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  2. Hättest Du ein paar Beispiele für solche Bloggerinnen? Ich lese solche Blogs nicht und ich würde da aus Interesse mal reingucken wollen.

    Und ja, ich denke schon, dass vor allem junge Frauen oft die Märchen glauben, die man ihnen erzählt. Als ich jünger war, habe ich auch viel mehr geglaubt, was irgendwo in Medien verbreitet wurde. Bis das Leben dazwischenkam.. ;-) Ich denke, dass viele einfach nur naiv und - man muss es leider sagen - oft auch ziemlich ungebildet sind. Nicht dumm, aber ungebildet. Ich schätze mal, wenn man den halben Tag mit Selbstoptimierung beschäftigt ist und den Rest mit Posten von Kram in sozialen Medien vertrödelt, bleibt nicht mehr viel Zeit für andere Sachen.

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  3. promenadenmischung10. September 2015 um 19:30

    Zum Selbstoptimierungsbegriff: mit Selbstvervollkommnung hat das nicht das Geringste zu tun.
    Man passt sich optimal an sein Milieu und dessen Codices an, jeglichen Vorteils durch Anpassung willen. Es entspricht dem Darwin´schen »Survival of the fittest« – im Wortsinn »Überleben des/der
    Angepasstesten«. D.h.: ein erwünschtes Detail des Big Picture darzustellen, i.S. der Teilhabe an dessen Gratifikationsprozessen. Bildung (d.h. sein eigenes Welt- und Selbstbild erarbeitet haben
    bis zu dessen Inkorporation) kann da nur im Wege stehen, als fehlfarbener Formfehler. Und – tut mir
    Leid! – Intelligenz ohne Selbstreflexion ist bloße Intelligenzreflektion, oder ein Set aus intelligenten
    Reflexen.

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    1. Gut zu wissen, das. 'Selbstoptimierung' ist schon ein Begriff, den ich gerne benutze. Jetzt kenne ich auch seine eigentliche Bedeutung.

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