Donnerstag, 13. August 2015

Für die gute Sache. Ehrenamt. Hot or not?



Angestrengt sitze ich da. Ich will was für den Blog schreiben. Voller Eloquenz, Witz und Wahrheit. Aber mal ehrlich: Liest das hier überhaupt wer? Haben meine Worte irgendeine Relevanz? Ach ja, ich vergaß, ich mache das hier ja nur für mich selbst. Aber dann könnte ich auch in mein Tagebuch schreiben, im gut geschützten Elfenbeinturm, in der Dachkammer meines Kopfes. Diesen paradoxen Zustand kann ich für mich noch nicht einordnen. Schließlich bin ich nur irgendein Blödmann, der, wie viele andere, seinen Sermon ins Netz kotzt.
Wahrscheinlich wäre es wesentlich besser sich in irgendeiner Organisation zu engagieren und ginge es nach meiner Jobchaochin müsste ich mich noch heute ehrenamtlich bei Oxfam melden. Schließlich macht sich das geil im Lebenslauf. „Sobald sie einen Job haben, geben sie das natürlich wieder auf. Dann ham se ja keine Zeit mehr dafür.“
Mal davon abgesehen, dass ich Oxfam sowieso misstraue, seit ich in deren Jahresbericht gelesen habe, wie viel Kohle die Chefetagen bekommen, tue ich mich seit jeher unglaublich schwer mich für eine gute Sache zu entscheiden. Dies liegt nicht zuletzt an meiner Erziehung. Ich stamme aus einem Elternhaus, in welchem selbst die Teilnahme an einer Demo gegen Studiengebühren als ziemlich suspekt galt. Meine liebe Mutter sagte immer zu mir: „Kind, lauf niemals in Gruppen mit. So hat es bei den Nazis auch angefangen.“ Also wurde ich zum lonely Wolf, mit der großen Sehnsucht nach Anschluss an eine größere Gruppe für eine gute Sache. Doch welche Sache verdient dieses Prädikat „Gut“?

Tafel? Oxfam? Amnesty International? Ich finde den Haken!

Ich  kann da mittlerweile auch nicht mehr aus meiner Haut. Ich finde immer ein Haar in der Suppe. Als ich mich vor einiger Zeit mit der „Tafel“ beschäftigte, weil ich überlegte, ob dies gerade in meiner gegenwärtigen Situation was für mich wäre, kamen mir Zweifel. Ich las von Tafelmitarbeitern, die sich über die mangelnde Dankbarkeit der Armen echauffierten, weil diese keine Lust darauf hatten 2 Wochen nur Kohl und Nudeln zu essen. Mir kommt es nicht richtig vor, dass Menschen gar nicht entscheiden dürfen, welche Lebensmittel sie möchten, bzw. brauchen. Möchte ich ein System unterstützen, welches arme Menschen nur weiter stigmatisiert, während etwas wohlhabendere Leute sich im Rewe in Ruhe aussuchen dürfen, was sie möchten? Ich will nicht darüber bestimmen, was andere Menschen meiner Meinung nach essen dürfen, nur weil sie arm sind.  

via Pinterest


Auch Amnesty International geht mir mit seinen Ständen in der Stadt  total auf die Nerven. Ständig springen mich irgendwelche Studenten an, die in aggressiver Gorillamanier versuchen Schuldgefühle zu schüren. „Sie da in dem roten Mantel, wollen sie etwa den Menschen nicht helfen?!“ Ist wirklich eine super Sache, wenn ich durch einen Marketingstudenten dazu manipuliert wurde, mir jeden Monat 100 Euro aus der Tasche ziehen zu lassen, die ich gar nicht habe, nur damit er seine Provision bekommt, um davon sein Auslandssemester zu finanzieren.  
Vermutlich wäre ich auch kein Anhänger der 68er geworden, weil ich es absolut unzumutbar gefunden hätte, dass irgendwelche schleimigen Hornbrillenträger mir erklären wollen, mit wie vielen Männern ich zu schlafen habe, nur damit ich voll der emanzipierte Revoluzzer bin.  
Also, falls jemand irgendwas kennt, wo selber Denken erwünscht ist und die Leute locker drauf sind, darf das an dieser Stelle gerne mitgeteilt werden.

Kommentare:

  1. Hallo preussischer Widerstand,

    nein, bitte nicht an deiner Relevanz zweifeln! Weiterschreiben, bitte :) Ich bin zwar kein regelmäßiger Kommentierer, lese hier aber alles und freu mich immer sehr, wenn es wieder einen neuen Artikel gibt.
    Zum Thema Ehrenamt… da gibt es viele Paradoxa, finde ich und der Weisheit letzter Schluss ist mir auch noch nicht gekommen. Fest steht für mich allerdings, dass ich einen Teufel tun werde, mich irgendwo ehrenamtlich zu beiteiligen, wo mit meiner Arbeit Geld verdient wird. Z.B. Rotes Kreuz u.ä. - an sich eine gute Sache, aber ich habe das Gefühl, die Leute werden da zum Teil ausgenutzt. Eine Freundin engagiert sich dort (aktuell z.B. beim Aufbau/Am-Laufen-Halten einer Asylbewerberunterkunft). Bei den dort Blutspenden fließt beispielsweise ordentlich Kohle, aber weder der edle Spender noch die ehrenamtlichen Mitarbeiter bekommen was davon ab.
    Ich habe persönlich die Erfahrung gemacht, je größer die Organisation, desto weniger ehrlich geht es dort den Ehrenamtlichen gegenüber zu. Seit einger Zeit lese ich Korrektur für eine Zeitschrift, die im Bereich Sozialarbeit angesiedelt ist und keine Gewinnabsichten hat, wo eh fast alle Beteiligten Ehrenamtliche sind. Das ist überschaubar, es kommt hinten tatsächlich was "Gutes" dabei raus und ich kann sicher sein, dass durch meine Gratis-Arbeit keiner sich eine goldene Nase verdient.
    Also mein bescheidener Rat wäre, wenn schon Ehrenamt, dann was "Kleines" wie z.B. ein lokaler Verein, wo man genau weiß, was hinten rauskommt und keine größeren Geldmengen im Spiel sind.

    Und sicherlich nicht für den Lebenslauf! Das ist ja sowas von verlogen/absurd - da belügt man doch sich selbst sowie den potenziellen Arbeitgeber, bei dem man mit einer solchen Tätigkeit punkten will. Also die Jobcenter-Leute sollten sich was schämen, einem das zu empfehlen.

    Und die ganzen Koberer, die einem in der Fußgängerzone auflauern - wie du schon sagst, das sind eh Externe auf Provisionsbasis und eben keine Ehrenamtlichen, die da für die gute Sache stehen. Dementsprechend engagiert, um nicht zu sagen aufdringlich, treten die auch auf. Wo ich wohne, ist das leider auch ziemlich ausgeprägt, da reicht es nicht, wenn du um deren Stände einfach einen Bogen machst, nein - die laufen dir mitten in den Weg, sogar wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist. Das empfinde ich als unverschämte Belästigung - wer solche Leute für sich arbeiten lässt, hat das Etikett "gemeinnützig" nicht verdient in meinen Augen.

    Wenn man was gutes tun will, also lieber im näheren Umfeld, wo man die Kontrolle behält und nicht bei einer großen Organisation, wo garantiert jemand sitzt, der sich ins Fästchen lacht und Gelder abgreift. Konkret würde ich denken an: örtliches Tierheim oder Sport-/Kulturvereine, die suchen immer jemanden, der mit anpackt. Mit dem "selber Denken" ist das so eine Sache, das merkt man halt erst, wenn man drin ist, mit was für Leuten man es da zu tun hat.

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    1. Hallo Julia,

      wow! Erstmal danke für deine guten Worte. Hat mich jetzt voll geflasht. ;)
      Du hast mir wirklich ein paar wertvolle Denkanstöße gegeben. Naiverweise bin ich früher davon ausgegangen, um so größer und bekannter die Organisation, um so wertvoller ihr Beitrag. Dabei bin ich lediglich ihrer Bekanntheit auf dem Leim gegangen. Was jetzt nicht heißen soll, dass ich deren Wirken komplett in Frage stelle. Wäre ja auch Unsinn. Aus meinem Verwandtenkreis war auch jemand fast ein Jahrzehnt beim Roten Kreuz. Derjenige ist am Ende ebenfalls ausgeschieden mit dem Gefühl, vollkommen ausgenutzt worden zu sein. Es wurde einfach zu viel und hat am Ende die ganze Freizeit gefressen. Schließlich kauft man da nicht nur für alte Omis ein oder führt Hunde gassi, sondern hat z.T. eine riesen Verantwortung, die in vielen Fällen eine anspruchsvolle Ausbildung voraussetzt. Das macht man nicht in 2 Stunden am Samstag.
      Darf ich fragen, für welche Zeitschrift du Korrektur liest? Das klingt interessant.

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  2. Hat deine Jobcoachin aus der Maßnahme sich mit den JC-Leuten abgesprochen bevor sie den Vorschlag machte? Mit denen musst du das nämlich erst klären mit dem Ehrenamt. Es sei denn du machst es heimlich, dann darfst du es natürlich nirgendwo erwähnen. So weit ich weiß, ist hier so, musst du dem JC das melden, damit die wissen, dass du in dem und dem Zeitraum nicht zur Verfügung für Arbeitsaufnahme steht. Ist natürlich wieder hirnrissiger Quatsch, aber mir ist jemand bekannt, der deshalb eine Sanktion reingewürgt bekommen hat. Nähe D'dorf.

    Und in Bewerbungen macht sich soziales Engagement auch nicht immer toll. Ein Bewerber, der nicht strikt egoistisch an sich denkt sondern sich für seine Mit-Mitarbeiter interessieren könnte ist auch ein potentieller Betriebsratskandidat. Ab auf den Absagenstapel.

    Was die großen Organisationen angeht muss ich Julia zustimmen, habe ich leider auch so erfahren. Aber wie wäre es denn zum Beispiel, falls D'dorf so was hat, mit so einer Erwerbsloseninitiative? Klar, da wärest du Betroffene unter Betroffenen, aber da kommen ja ganz verschiedene Menschen dahin mit unterschiedlichem Bildungsgrad und vielleicht kannst du der einen oder anderen Person Hilfe mit Formulierungen in Bewerbungen oder so geben.

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    1. Habe ich mir ja fast gedacht, dass man seinem Herrn und Meister (Jobcenter) erst um Erlaubnis bitten muss, bevor man private Entscheidungen trifft. Die Jobcoachin macht in dem Laden sowieso ihr eigenes Ding. Aber ich werde sicherlich kein Ehramt beginnen, weil sie es mir aufdrängt. Sie versucht mich immer wieder dazu zu bewegen. Bisher habe ich einfach darüber hinweg gelächelt. Das ist doch absurd. Im Augenblick ist es für sogar ein Grund nichts in der Richtung anzustreben. Einfach aus dem Protest heraus, dass ich wohl kaum solch eine wichtige und sehr persönliche Entscheidung einem Menschen von der Behörde entscheiden lassen kann.
      Das sich nicht jedes Engagement positiv im Lebenslauf auswirkt, davon habe ich auch schon gehört. Klar McKinsey hat wahrscheinlich nicht so ein ausgeprägtes Interesse daran, dass ich mich für andere einsetze. Aber ehrlich gesagt, bin ich auch nicht sicher, ob ich es überhaupt in meinem Lebenslauf erwähnen würde. Vielleicht, wenn ich schon 15 Jahre dabei bin und damit einfach zeigen möchte, wer ich bin. Aber ich heuchel doch nicht soziales Interesse vor, um einen Job zu bekommen.
      Erwerbsloseninitiativen gibt es in Düsseldorf tatsächlich. Doch im Augenblick würde mich dies eher runterziehen. Irgendwie wäre dies zu nah an meiner eigenen Situation.

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  3. Zunächst: ja, viele ehrenamtliche Tätigkeiten sind eigennützig gemeinnützig. Aber das ist eigentlich auch gar nichts verwerfliches, da sie eben alle ihre Interessen verfolgen. Zu den penetranten Straßen-Fundraisern sage ich immer: "Egal was Sie mir jetzt sagen wollen, am Ende wollen Sie doch nur mein Geld, oder?" Denn nur darum geht es ihnen. Selbst als ich einmal vor Jahren bei so einem kleinen Tierschutz-Verein nach einer aktiven Mithilfe gefragt hatte, meinten die zu mir, das würde ich am besten, wenn ich ihnen Kohle gebe. Ja ne, ist klar.

    Ein paar wenige ehrenamtliche Geschichten habe ich auch hinter mir. Letztendlich alles tolle Erfahrungen gewesen. Aber wie überall kommt es auch auf die Menschen vor Ort an. Ist das Klima in Ordnung macht es Spass. Gibt es zuviele Verbohrte und Dogmatiker, wird es schnell anstrengend. Und solange man sein Blog nicht kommerziell betreibt und es mit Werbung zumüllt, ist es schließlich auch ein Ehrenamt. Freilich nicht das Ehrenamt, was sich Politik und Wirtschaft wünschen, weil sie damit kein Personal einsparen können, aber dennoch unbezahlte Arbeit, die (hoffentlich) zur Meinungsbildung beiträgt.

    Übrigens gibt es bei der Aktion Mensch eine große Datenbank für sehr viele kleine lokale Projekte wo man mitmachen kann, wenn man mag. Sehr praktisch.

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  4. Mein Spruch für die Fussgängerzonen-Heinis: mein Budget für dieses Jahr ist erschöpft, aber wenn ich nen Kuchen backen kann oder irgendwo nen Stall ausmisten soll, könnt ihr euch gerne melden. Ich gebe den Vorrednerinnen recht, je größer die Organisation, umso mehr Geld wird durch Verwaltung etc. "aufgefressen". Grundsätzlich gehe ich an solche Sachen immer nach dem Motto ran "nix erwarten und einfach mal machen". Denn aufhören kannst du ja immer noch. Ich habe eine Zeit lang in der Bahnhofsmission mitgearbeitet und engagiere mich gerade in der Flüchtlingshilfe. Das macht nicht immer Spaß (weder die Menschen mit denen man arbeitet noch die Leute für die man arbeitet müssen immer nett sein), aber gibt mir das gefühl etwas sinnvolles zu leisten. ich bin gespannt, für was du dich im Endeffekt entscheidet :-)

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    1. Guter Spruch. Die Typen lassen trotzdem oft nicht locker. Flüchtlingshilfe klingt krass. Habe mich kürzlich in dem Bereich beworben, weil dort ja unglaublich viel gesucht wird. Aber eben im Büro und nicht bei den Leuten vor Ort. Wie läuft das denn so?

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  5. Ich mag das Kommentare Schreiben nicht. Egal wo, weder in Blogs, noch in Online Zeitungen.
    Um deine Frage zu beantworten, ja, ich lese das hier. In der Hoffnung das du weiter schreibst.

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    1. Dann bedanken wir uns bei dir, dass du dir extra bei uns die Mühe gemacht hast, einen Kommentar zu hinterlassen und freuen uns, dich weiterhin als Leser/ Leserin begrüßen zu dürfen. :)

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