Donnerstag, 6. August 2015

"Negerprinzessinnen"-Ästhetik, oder: schwingende Schwänze unter Wasser


Leute, ich habe etwas total Perverses getan. Hauptsächlich um euch davon auf dem Blog zu berichten. Ich gebe zu, Neugierde, Langeweile und Faszination am Ekel waren auch ein Faktor. Ich habe abends den Fernseher angemacht. Ich habe RTL angemacht. Ich habe eine ganze Folge "Adam sucht Eva" geguckt. Ich fühle mich schrecklich und rede mir ein, dass das nötig war für meine persönliche Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, für meine Meinungsbildung, zumindest für interessanten Blog-Content. Doch es nützt alles nichts, sie haben mich gekriegt. Meine Aufmerksamkeit. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Leute, die die stumpfesten Boulevard-Medien konsumieren und sich ihnen gleichzeitig überlegen fühlen, nicht besser sind als die Leute, die diese ganz unkritisch sehen. Weil diese Medien den vermeintlich Überlegenen GLAUBEN lassen er hätte sie durchschaut, dabei tut er genau das, was von ihm als Konsument erwartet wird, nämlich investieren in Form von Geld und Aufmerksamkeit. Aber nun ist es zumindest für mich zu spät und das Einzige, was ich noch tun kann, ist meine Eindrücke mit euch zu teilen.

"Adam sucht Eva- Gestrandet im Paradies" ist eine FKK-Kuppelshow. Auf einer einsamen Südseeinsel laufen mehr oder weniger notgeile Männer und Frauen nackt herum und suchen Partner für Geschlechtsverkehr und Beziehungen (Beziehungen, haha, natürlich). Ab und an wird die Besetzung durchgemischt und es kommen neue potenzielle Fickpartner auf die Insel und ersetzen die, die keiner haben wollte. 
Am heutigen Abend sind gleich drei neue Adams am Start. Jeder von ihnen kommt mit einem Paddelboot angeschwemmt. Ihre erste Amtshandlung ist es, sich auszuziehen und majestätisch ins Wasser zu gleiten. Unten wartet schon ein Unterwasserkameramann, der scheinbar ganz nebenbei (in der Einstellung "Nahe") die schlackernden Genitalien abfilmt. Noch bin ich befremdet, dass ich einfach so schlackernde Genitalien im Abendprogramm zu sehen bekomme. Auf dem Eiland warten schon die für RTL typischen dümmlichen Charaktere: Achi, ein österreichischer Gockel, der aussieht wie ein Backstreetboy, aber mal "wie ein richtiges Sexsymbol" wahrgenommen werden will. Heidi, eine langweilige Deutsche, zu der es nichts zu sagen gibt und allen voran die selbsternannte Inselkönigin Bahati, eine Poledancerin, die wirklich selten dämliche Sachen in die Kamera sagt (es klingt natürlich nach gescripteter Scheiße). 
Bahati ist schwarz. Und wird von RTL gleichermaßen unterschwellig wie liebevoll als "Negerprinzessin" von Taka Tuka-Land inszeniert. Selbstverfreilich traut sich nicht mal dieser verkommene Sender einen solch politisch inkorrekten Begriff zu verwenden. Stattdessen präsentiert er die Frau als exotische Karibikschönheit, die Blumen im Haar trägt, sich mit Kokosöl einreibt, auf Sinnlichkeit und starke Männer steht und sich von allen vier Adams umgarnen lässt. Die dröge, im wahrsten Sinne des Wortes blasse Hängetitten-Heidi steht daneben und hat das Nachsehen. Aber so eine Figur wird dringend benötigt im Script, um die Favoriten-Eva noch besser dastehen zu lassen und als Alibi für mögliche Exotismus- und Rassismusvorwürfe. 
Im Laufe der Sendung passiert nichts Relevantes; wie zu erwarten reden die Bewohner über Sex und Beziehungen. Ab und an essen sie ein paar Bananen in Hängematten. Noch kommt es zu keinen erotischen Handlungen, die Sendung braucht ja einen Spannungsbogen, um nicht nach den ersten Folgen in der Versenkung zu verschwinden. Die Folge endet damit, dass Bahati, die ihre Entscheidungsgewalt durch ein Strandspiel gewonnen hat, "Konkurrentin" Heidi und einen Adam, der ihr nicht genug bei den Haushaltsaufgaben mithilft, der Insel verweist. Achi weint, weil Bahati mit ihrem neu auserkorenen Lieblings-Adam (der nicht Achi ist) auf die sogenannte Liebes-Insel umzieht und er ihr nicht mehr wie ein Hündchen hinterherlaufen kann.

Was mich am meisten erschreckt ist die überaus kurze Zeitspanne, die RTL braucht, um mich abstumpfen zu lassen. Schon nach ca. 20 Minuten finde ich nichts Komisches mehr dabei, einem rotgebrannten, glänzenden, schlimm tätowierten Muskelpaket mit beschnittenem Schwanz und arg hängendem Sack dabei zuzuschauen, wie er mit Palmwedeln ein Dach deckt. Ich fange an, Sympathien und Antipathien gegenüber den Darstellern zu entwickeln. Ich fange an, mich mit Heidi zu identifizieren. Ich bin nicht immun. Eine skeptische Haltung gegenüber der Welt, mit einer Prise Bitterkeit, Zynismus und Abgeklärtheit, ist kein todsicherer Schutz vor der manipulativen Macht des Mediums. Selbst wenn ich vor dem Bildschirm sitze und über die vermeintlich dummen Leute im und vor dem TV lache. Am Ende lache ich mich immer selbst mit aus.




by Traumstraende.org





Kommentare:

  1. "Im Laufe der Sendung passiert nichts Relevantes"

    So ist das generell bei allen Trash-Tv-Pseudo-Doku-Sozial-Soap-Sendungen. Gescriptete Konflikte und billiger Sexkram reichen scheinbar aus, um genug Zuschauer zu haben, damit die Billig-Produktionen sich finanziell lohnen. Bei der ersten Big Brother Sendung damals gab es noch Medienkritik und Stimmen, die vom Untergang des Kultur-Fernsehens schrieben. Heute besteht das TV-Programm fast nur noch aus gähnend langweiligem trash-Rotz.

    "mit einer Prise Bitterkeit, Zynismus und Abgeklärtheit, ist kein todsicherer Schutz vor der manipulativen Macht des Mediums."

    Sehr richtige Feststellung. Der beste Schutz ist daher, die Kiste einfach auszulassen. Wir haben uns eine zeitlang einige dieser Trash-TV-Sendungen angeschaut und sie in ähnlicher Weise wie Du hier analysiert. In der Rubrik: "Nicht vergessen...abschalten!" Bis wir irgendwann davon genug hatten und nicht mehr konnten.

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  2. Danke für den Link. Es gibt auf Youtube einen Lars Golenia, der alle aktuellen Sendungen durchgenommen und kommentiert hat, von dem hab ich mir auch mal ein paar Folgen angeschaut: https://www.youtube.com/watch?v=5Uj27JzUEWs&index=6&list=PL6gv7oBY0EegRPT9oQyBK7UaGeKy50sK-

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  3. Moin, na, da ist wieder ein Mitstreiter wider der systematisch geplanten Verblödung durch US - TV - Adaption in die Vollen gegangen. Schön beschrieben. Ja, so sind se´, die alten Rittersleut´vom Privaten. Furzen, Rülpsen, Sülzen,rund um die Uhr. Hauptsächlich soll aber über diesen gesendeten Schund Kohle gemacht werden. In dem der eigentliche Zweck, nämlich einen Dauerwerbesendungskanal zu führen, durch " Bulimie - Formate verkleistert werden soll, merken die Konsumenten dieses nicht mehr. Im Spiegelbild des eigenen Seins, bestimmt das Bewusstsein: Ich kaufe Schuhe auf Pump bei " Zalando ", fresse Fast - Food - Dreck über den Bringdienst " Lieferando " und und verunstalte meinen Körper mit Mittelchen von " Armando ". Wie weit darf diese TV - Grütze noch unterhalb des Null - Meridians sinken?

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