Mittwoch, 26. August 2015

Wer die Schule mag, ist verloren


Ich kann es nicht nachvollziehen, wenn Leute sagen, dass sie eine schöne Schulzeit hatten und sie vermissen. Ich glaube, nur alte Mobber und bis ins Mark angepasste, angebiederte und langweilige Personen können von Herzen sagen: „Ich habe meine Schulzeit genossen“. Und die damit nicht nur die verhältnismäßig angenehme Grundschulzeit meinen, sondern auch die weiterführende Schule. 

Leute, die sich ganz selbstverständlich Autoritäten unterordnen und diese niemals (manchmal in ihrem ganzen Leben nicht) hinterfragen. Leute, die von der Mehrheit gemocht werden, weil sie keine Reibungsfläche bieten und nur Position beziehen, wenn sie sich der Zustimmung sicher sind. Leute, die sich gerne allzu früh von ihrer Kindheit verabschieden, um in das große Leistungshamsterrad einzusteigen, dass sie noch ihr gesamtes Erwachsenenleben begleiten wird. Weil ihnen gesagt wurde: wenn du dich anstrengst, wartet später das gute Leben auf dich. Disziplin, Gehorsam, Fleiß und Anpassungswille kaufen dir deinen sicheren Platz an der Sonne. Das willst du doch, das will doch jeder. Du muss JETZT on point sein, damit du jemals was wirst. Damit du jemals was erreichst in deinem Leben. Damit du irgendwann glücklich werden kannst.

Mich konnten solche Parolen, explizit oder implizit geäußert, kaum bei der Stange halten. Was interessierte mich, was „die da“, die unsichtbaren und unbekannten Arbeitgeber der Zukunft, von mir wollen? Während sich meine Mitschüler schon auf ihr zukünftiges Leben als schwer beschäftigte und gutverdienende Eventmanager, Psychologen und Werbekauffrauen gefreut und eifrig vorbereitet haben, hatte ich beruflich gesehen überhaupt keine Träume, geschweige denn Pläne. Es galt nur, dem Gefängnis Schule, dass mich so viele Jahre körperlich und geistig gefesselt hatte, endlich den Rücken kehren zu können.

Ich gebe zu, dass es Momente gab, in denen ich mein gesellschaftliches und soziales Außenseitertum verfluchte und mir nichts sehnlicher wünschte, als ein durchschnittliches, unbedachtes, hoffnungsfrohes, angepasstes Mädchen mit guten Noten und vielen Freunden, die genauso nichtssagend sind wie ich, zu sein. Es wäre auf diese Weise so viel einfacher gewesen. Aber ich denke: es ist ein sehr schlechtes Zeichen für die eigene Persönlichkeitsentwicklung, wenn man das System Schule ernsthaft und genuin cool findet und KEIN laternenbastelnder Drittklässler ist.



Kommentare:

  1. Ich muss zugeben, dass ich Abi und Studium sehr genossen habe ;-) Das hat mich persönlich und meinen Horizont sehr weiter gebracht. Und ich war stets ein kritischer Zeitgenosse ;-)

    In der Schule und an der Uni kann man doch weitaus kritischer sein, als an jedem Arbeitsplatz. Kommt natürlich auch immer auf den Lehrer und das Thema an, aber selber denken und hinterfragen ist an Schulen weitaus mehr erlaubt, als bei Unternehmen. Ich hatte viele anregende Diskussionen, Streitgespräche, aber auch Lehrer/Dozenten, die das gar nicht wollten und autoritär waren. Bei allem habe ich was gelernt. In Unternehmen darfst und sollst Du Dich doch nicht ausprobieren, da sollst Du funktionieren und die Klappe halten. In diesem Sinne: lieber Schule/Uni als Lohnarbeit ;-)

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  2. promenadenmischung27. August 2015 um 16:26

    Ich bin in den 60/70er Jahren zur Schule gegangen. In Relation zu meinem kleinbürgerlichen und
    grottenspießigen Elternhaus war das eine zumindest relative Freiheit. Als guter Schüler (oh nein, nicht aus Anpassung – da war ich eher unterdurchschnittlich – )kam ich mit fast allen Lehrern zu Rande. Kann sein, dass die insgesamt positiven Schulerfahrungen mich vor einer Kompletttraumatisierung durch mein Elternhaus bewahrt haben. Iussu patris musste ich trotz
    guter Noten nach der mittleren Reife das Gymnasium verlassen und eine Handwerkslehre
    beginnen. Soviel dazu: ich habs überlebt (absolut nicht das Fachliche, aber das Zwischenmenschliche
    war die Klippe, an der ich fast zerschellt wäre!) Gott sei Dank fand ich dann den Weg zur Uni, in meinem Wunschfach. Derzeit leide ich u.A. an den Spätfolgen dieser schlimmen Zeit.

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  3. Ich hatte in der Oberstufe das Glück, dass ich sehr diskutierfreudige, politischinteressierte und eher linke Mitschüler hatte. Wir haben viel diskutiert und uns oft mit Lehrern angelegt. Mit Anpassung war da nicht viel, es gab immer mal wieder Klassenkonferenzen weil wir nicht stillgehalten haben. Wir hatten einen Fachbereichsleiter, der hätte aus uns gern so ein Bieder-Streber-Häufchen gemacht (ich erinnere mich, dass wir nicht mehr "super" sagen sollten, weil wir doch kapieren müssten, dass das Wort überhaupt keine Aussage hatte etc.) - nicht mit uns. Auch sein künstlerisches Ideal konnte er uns nicht vermitteln. Ich war damals "Grufti" (oh weh, ein politisch interessierter Schwarzkittel, der die Mailorder boykottiert hat) und seine Definition von Frei- oder Schöngeist passte zu meiner nun gar nicht. Ich schoß also dauernd quer (und gerne, meine Eltern hatten mir vorher auf ein sehr rigides Quasi-Eliteding gezwungen. Alles Arzt-, Architekten- und Anwaltskinder außer mir, aber "wir haben es ja"... Da war ich übrigens das einzige Mädchen, das mit Qualifikation für das Abi abging, man kann also sagen, auch da habe ich quer getrieben. Die Maxime für die Mädchen da war möglichst schnell zu heiraten und die Füße hochzulegen. Ich glaube, ich bin die einzige aus dem Jahrgang, die je was gelernt und nie geheiratet hat.)

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