Dienstag, 10. März 2015

Zu intelligent für die Arbeitswelt – Geschichten aus dem Jobcenter II



Die Beziehung zwischen dem Arbeitslosen – äh Arbeitssuchenden und seinem Arbeitsvermittler ist, wie soll ich es möglichst diplomatisch ausdrücken, häufig von einigen Spannungen geprägt.
In meinem bisherigen Leben hatte ich immer wieder mit Jobcoaches oder Arbeitsvermittlern zu tun. Spätestens nach dem ersten Schulabschluss, allerspätestens nach der Ausbildung oder dem Studium bekommt man sie zu Gesicht. In der Regel geht die Angst im Volke vor ihnen rum. Manche Geschichten über sie sind geradezu legendär.
Natürlich sind es auch nur Menschen, die teilweise genauso mit diesem absurden System und seinen noch absurderen Vorgaben zu kämpfen haben, wie die Arbeitslosen, denen sie diese Maßnahmen aufzwingen wollen.
Ich habe mir von Arbeitsvermittlern schon vieles vorwerfen lassen müssen. Von Aussagen, wieso ich nicht bessere Abschlussnoten hätte, bis zu dem Vorwurf, ich sei einfach nicht kooperativ, weil ich vor lauter Angst nichts mehr sagen mochte, war irgendwie schon alles dabei.
Mit achtzehn ging ich wirklich noch in dem festen Glauben zu solchen Gesprächen, man wolle mir helfen. Haaaahaaahaaa. Aber Spaß bei Seite. Jetzt, mit 32 bin ich froh, wenn alles so neutral wie möglich abläuft. Wenn sie einfach freundlich sind, reicht mir das schon völlig.
Mittlerweile habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass es einige Arbeitsvermittler ganz gut mit einem meinen. Dennoch sind die Grenzen hinsichtlich ihrer Möglichkeiten oft ziemlich schnell erreicht.
In der Regel wechselt man ja alle paar Monate den Arbeitsvermittler. Weshalb das so ist, ist mir schleierhaft. Vielleicht ist die Gefahr zu groß, dass man sich aneinander gewöhnen, sich verbrüdert und der Arbeitslose plötzlich ein menschliches Gesicht bekommen könnte. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Das bedeutet natürlich auch, dass man die Geschichte seines Misserfolgs immer und immer wieder neu erzählen muss. Eine besonders beliebte Frage dabei lautet:

Was glauben sie, woran es liegt, dass sie arbeitslos sind.

Was soll man da antworten? Vielleicht so was wie:

„Weil ich zu blöd bin?“

Oder:

„Weil die Arbeitgeber borniert und blöd sind und mein Potential nicht erkennen?“

Manchmal kommen mir auch so lustige Gedanken, wie:

„Weil ich keine Arbeit gefunden habe.“

Oder:

„Ich habe keine Lust zum Arbeiten und möchte dem Staat unbedingt auf der Tasche liegen. Macht doch Spaß, sich jeden Monat auf dem Amt aufs Neue demütigen zu lassen. Bäm!! Du gehörst nicht zur Gesellschaft.“

Nun ja. In einem Gespräch mit einer Arbeitsvermittlerin habe ich mich dafür entschieden, den Grund in meiner Studienwahl zu vermuten. Geisteswissenschaftler werden eben nicht wie Sand am Meer gesucht. Im Grunde glaube ich sogar, dass dies vielen Arbeitgebern suspekt ist.
Darauf antwortete mir die Dame etwas, womit ich im Leben nicht gerechnet hätte:
Frau Preussischer Wiederstand, wissen sie, was ich glaube? Arbeitgeber wollen keine kritisch denkenden Menschen. Die befürchten, dass sie sich nicht richtig unterordnen können. Verzeihen sie mir den Ausdruck, aber sie sind denen wahrscheinlich schlicht zu intelligent.“

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Via Pinterest
Das hat mich schier aus den Socken gehauen. Revolution im öffentlichen Dienst. Alarmsirenen. Bitte ergreifen sie diese Arbeitsvermittlerin. Sie hat die Wahrheit gesagt.
Da saß kein doofer, genervter Behördenfuzzi vor mir, der jeden für Abschaum hält, dessen Akte nicht mindestens nach einer Woche von seinem Schreibtisch verschwunden ist. Nein. Da saß eine selbstständig denkende Frau, die tatsächlich auf meiner Seite war. Der blanke Wahnsinn.
Leider habe ich mittlerweile wieder eine neue Arbeitsvermittlerin. Aber die ist bisher zumindest freundlich.

Falls hier Leute mitlesen, würde ich mich über eure Kommentare freuen. Was habt ihr für Erlebnisse mit dem Arbeitsamt gemacht?

Kommentare:

  1. Was glauben sie, woran es liegt, dass sie arbeitslos sind.

    Meine Antwort war stets, dass dafür die Strukturen des Arbeitsmarktes verantwortlich sind. Knapp 750.000 offene Stellen (nachlesbar auf arbeitsagentur.de) treffen auf (ungeschönt!) 5-6 Millionen Erwerbslose. Da kann die Bewerbung, das Auftreten, das Verhalten und so weiter noch so gut und "perfekt" seien - acht von zehn werden immer leer ausgehen. Fast alle Jobcoacher und Arbeitsvermittler waren bei mir danach still und freundlich. Die wissen das alles auch, wollen aber ständig die "Eigenverantwortungs-Keule" fahren, um jegliche Verantwortlichkeiten abzuschmettern und: um ihre Arbeit zu rechtfertigen ;-)

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  2. Hallo, ein sehr schönes Blog, das ich gerade entdeckt habe :-)

    Zu deiner Frage: meine Erfahrungen sind ungefähr die Gleichen. Aber so eine ehrliche Antwort von einem Jobcenter-Mitarbeiter habe ich noch nie bekommen. Vielleicht tut sich langsam was in dieser Richtung? Je mehr Menschen in diesem Land diese abgedroschenen Phasen nicht mehr glauben und das auch offensiv aussprechen, desto schneller kann dieser schreckliche Jobcenter- und Arbeitsirrsinn beendet werden. Das hoffe ich jedenfalls.

    Ich bin schon vom Charakter her nicht für die unterwürfige Arbeitswelt gemacht. Mich nimmt auch Keiner, weil ich ne eigene Meinung habe und nicht bei jedem Scheiß zustimmend nicke, nur um bloß jeden schlechtbezahlten und befristeten Job zu kriegen. Ansich habe ich nichts gegen die hochgepriesene Karriere, aber nicht unter diesen Voraussetzungen. Nicht in dieser Menschen-Verheitzungsmaschinerie und nicht mit dieser rückratlosen Sklavenmentalität.

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  3. Hab gerade keine Zeit, will mir das abber demnächst mal durchlesen. Ich kenn das Problem, allerdings auch fehlen noch Skills die ich nicht kann. Aber keienr die Zeit investieren will und mir beibringen möchte.

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