Sonntag, 3. Januar 2016

Frohes neues Jahr du fette Sau!




Spätestens als Detlef D Soest und Ursula Karven mir durch die Blume und in Dauerschleife ständig erzählen, dass ich zu fett bin, weiß ich, dass wir 2016 haben. Denn mit Jahresbeginn sind sie wieder da: Die guten Vorsätze. Und der Vorsatz Numero Uno in unserer Gesellschaft ist natürlich abnehmen. Mehr Bücher lesen, sich sozial stärker engagieren, mehr für seine Kinder da sein, dies sind doch Vorsätze, die keiner wirklich hören will.

Bis zum Erbrechen wird jetzt Werbung für Fitnessstudios und Online Fitnesskurse gemacht. Ich kann keine Aldibeilage mehr durchblättern, ohne über hautenge Hightech-Sportklamotten zu stolpern. Aber irgendwie muss man die Zeit zwischen Weihnachten und dem Valentinstag ja füllen. Konsumieren Leute! Und wie ginge dies besser, als sich immer wieder selbst zu sagen, dass man fett und hässlich ist. 

Die ausgemergelte Ursula Karven, die sich selbst als Yogabotschafterin bezeichnet, verspricht mir in ihrer Werbung, dass ich in 10 Wochen die ultimative Erleuchtung und den mega Body erlangen werde. Daniel Aminati toppt es sogar noch und versucht mir den Beachbody in 8 Wochen schmackhaft zu machen. Mit dem selten dämlichen Slogan: „Mach dich krass“ schaut mich der schwer muskelbepackte Moderator in weich gezeichneter Schwarz-Weiß-Optik pseudosensibel an und erzählt mir tatsächlich, dass es wichtigeres gibt, als gut auszusehen, um im nächsten Atemzug den klaren Imperativ rauszuhauen, dass die Bikinifigur im Frühling gemacht wird. Nee, is klar, wie Atze Schröder da sagen würde.
Als der solariumsgebräunte Aminati mir am Ende seines Videos noch mit süffisantem Lächeln verspricht, dass er mich „strandtauglich“ machen wird, raste ich endgültig aus. Was soll das überhaupt sein? Strandtauglich!? Gibt es am Strand eine Bodymassindexpolizei, die jeden festnehmen lässt, der keine Größe 36 bei 1,78 hat? Manchmal kotzt es mich an, wie oberflächlich unsere Gesellschaft ist. 

Plötzlich schaue ich an mir runter. Ein kleiner Zweifel beim Anblick meines Bäuchleins schleicht sich in meinen Kopf. Beginnt die Gehirnwäsche jetzt doch zu wirken? Warum ist die Frau auf dem Bild da oben eigentlich so dünn und die noch viel wichtigere Frage: Warum habe ich so oft das Gefühl genauso aussehen zu müssen? Die letzten Monate in der Arbeitslosigkeit habe ich mir schon einen kleinen Frustbauch angefuttert. Aber halt! Stopp! Warum muss ich eigentlich strandtauglich sein? Und was ist, wenn ich in die Berge fahre oder einen Städteurlaub mache? Ach ja, der dumme deutsche Durchschnittsbürger fiebert ja seinem Durchschnitts-Malle-Urlaub entgegen. Und da geht es selbstverständlich nur um Optik. Warum? Darum! Weil man sich dann ja so fit und gesund fühlt und alle Leute einen lieben und beneiden. Blabla.

In meinen Teenagerjahren in den neunziger Jahren, man mag es glauben oder nicht, habe ich mir solche Fragen nicht gestellt. Es gab zwar auch Kosmetikwerbung und Zeitschriften mit dünnen Frauen, aber es war nicht diese Masse, mit der man heute konfrontiert wird. Ich fand mich normal und war ganz zufrieden mit meinem Körper. Doch seit Fitness nicht nur Gesundheit, sondern auch Selbstdisziplin und Erfolg bedeutet, was ja bekanntlich die erstrebenswerten Werte unserer Leistungsgesellschaft sind, geriet mein Körperbild nach der Jahrtausendwende immer öfter ins Wanken. Ich kann nur sagen, dass es gut ist, dass ich mich erinnern kann, dass dies mal anders gewesen ist. Ich möchte nicht wissen, wie sich die ganzen heranwachsenden Mädchen und jungen Frauen heutzutage fühlen, die ihre ganze Daseinsberechtigung in einem trainierten Körper sehen.
 
Mein Vorsatz für das neue Jahr? Mein Leben weiterleben und dies zu meinen Bedingungen. Wenn ich Bock auf Bewegung habe, gut, wenn nicht, dann ist das auch ok. Außerdem will ich wieder viele Bücher lesen, neue Menschen kennenlernen, mich inspirieren lassen und  einfach schauen, was ich in meinem Leben noch so lernen kann.


Kommentare:

  1. "Ich möchte nicht wissen, wie sich die ganzen heranwachsenden Mädchen und jungen Frauen heutzutage fühlen, die ihre ganze Daseinsberechtigung in einem trainierten Körper sehen.

    Die kotzen sich natürlich die Seele aus dem Leib. Germanys Next Kotzmodel machts vor. Für Schönheits-OP´s werden die meisten kein Geld haben, für regelmäßigen Sport und/oder Ernährungsumstellung keine Lust/Geduld. Also wird gekotzt. Ich würde wetten, mindestens jede dritte zwischen 15-20 steckt sich regelmäßig und/oder zum Sommeranfang den Finger in den Mund. Natürlich eher heimlich.

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  2. Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber diese Körperfokussierung ist eine der Sachen, die ich an Frauen nie nachvollziehen konnte und nie nachvollziehen können werde. Kann ich auch bei anderen Dingen nicht, z.B. dem Satz Als Frau braucht man [Aufzählung diverser Kosmetikprodukte] Ich habe die nie gebraucht, werde sie nie brauchen und wollte sie auch nie brauchen, ich hatte beispielsweise in den 36 Jahren, die ich jetzt lebe nie einen dieser Augenstifte in der Hand, ich weiß auch gar nicht wie die korrekt heißen, wenn man das aber als Frau brauchen soll, bin ich dann keine? Gut, das frage ich mich zum Teil auch wenn ich die Themen über die sich meine Geschlechtsgenossinnen unterhalten oder über die sie bloggen mitbekomme. So leid es mir tut, aber wie arm ist es sich darüber zu defininieren, mit diesem als Frau muss man? Das schwebt ja unausgesprochen auch in diesen Kampagnen etc. mit, die du erwähnst (und damit natürlich auch das Maximum, dass der Mensch letztendlich eine Ware ist). Ihr seid eines der wenigen Blog von Autorinnen, das ich lese, diejenigen die sonst von Frauen verfasst wurden beschäftigen sich speziell mit "geschlechtsneutralen" Themen.

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  3. promenadenmischung6. Januar 2016 um 18:17

    In einem Partnersuche-Online-Forum schrieb eine offensichtlich
    gar nicht so dumme Frau einmal: »Keine Bikinifigur? Dann geh ich
    halt an den FKK-Strand!« Hat mir gefallen …

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