Ich mag dieses Wort nicht. Unterschicht.
Klingt wie Kaffeerest oder die Dreckkruste am Boden des Mülleimers. Kein
Begriff ist mit mehr Klischees behaftet, außer vielleicht Feminismus oder der
Islam, wie die Unterschicht.
Seit der Einführung von Hartz IV werden
Menschen, die auf die finanzielle Unterstützung durch den Staat angewiesen
sind, systematisch diskriminiert. Die Schubladen, in welche diese Menschen und
damit auch ich, gesteckt werden, sind zum Teil so absurd, wie auch stereotyp,
dass ich mir jedes Mal die Haare raufen möchte.
Zur der Verbreitung dieses Bilds tragen
vorrangig die Medien bei, in dessen Kerbe auch die meisten Politiker und die gesamte Öffentlichkeit
gleich mit rein hauen. Dabei spreche nicht einmal von den gängigen
Privatsendern, wie RTL oder Prosieben, welche durch ihre gescripteten
Realityformate ein völlig verzerrtes Bild von Menschen in Armut zeigen. Meiner
Beobachtung nach sind es eigentlich alle Medien. Selbstverständlich auf einem
höheren Niveau und nicht so plakativ. Die Diskriminierung erfolgt häufig viel
subtiler und fällt selbst mir nicht immer sofort auf.
In der Regel werden Angehörige der
Unterschicht wie überdrehte Borderliner, bzw. völlig bindungsunfähige und
vollkommen irrationale Kinder dargestellt, die weder mit Geld umgehen können,
noch sonst ihr Leben irgendwie im Griff haben. Sie sind Sklaven ihres
hedonistischen Triebs und sind vollkommen auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Es geht ihnen
lediglich darum, den Staat und ihre ganze Umgebung so viel wie möglich
auszubeuten und so wenig wie möglich dafür leisten zu müssen. Dies äußert sich
beispielsweise in einer totalen Bildungsverweigerung, da Bildung für völlig
unwichtig gehalten wird. Schließlich orientieren sich Menschen aus der
Unterschicht komplett und ausschließlich nur an Z-Promis, wie den Kardashians
und Daniela Katzenberger, die es ja auch ohne Bildung „geschafft“ haben.
Aus diesem Vorurteil speist sich ja auch
die Ansicht, dass Menschen an ihrer Armut selbst schuld sind, da sie
undiszipliniert und triebgesteuert sind. Ihnen fehlt die Fähigkeit, vernünftige
Entscheidungen zu treffen und für die Zukunft vorzusorgen, was etliche Teenie-Schwangerschaften
belegen. So sind sie, die Menschen aus der Unterschicht. Emotional, irrational
und zu jeder vernünftigen Kommunikation unfähig. Ihr Wortschatz ist beschränkt.
Zu mehr als „Ey Alter, lass die Finger von meiner Ollen“, reicht es nicht. Rosenberg
würde mit seiner gewaltfreien Kommunikation scheitern.
Was ich allerdings seltsam finde, ist,
dass ich diese Vorurteile und Klischees in der Realität nicht bestätigt finde. In
der ganzen Zeit, wo ich mit anderen Erwerbslosen in Jobcentern und Maßnahmen in
Kontakt gekommen bin, habe ich niemanden getroffen, der diesem Bild entsprochen
hätte. Natürlich gab es hin und wieder Menschen, die ziemlich am Ende waren,
überladen von Problemen, Schicksale, die auf eine bewegte Vergangenheit
zurückblickten und denen vielleicht auch nicht mehr zu helfen war. Aber die
Mehrzahl der Menschen waren wie du und ich.
Interessanterweise habe ich neulich
sogar einen Artikel darüber gelesen, dass Menschen aus der Unterschicht mehr
Mitgefühl zeigen, als reiche Menschen. Reiche haben es in der Regel nicht nötig
sich um die Gunst anderer zu bemühen. Sie sind nicht auf die Hilfe anderer
angewiesen und neigen deshalb dazu auch anderen weniger zu helfen. Besonders
reich geborene Jugendliche haben angeblich sogar oft Probleme damit
Blickkontakt mit anderen Menschen zu halten und sind daher in ihrer sozialen
Interaktion eingeschränkter.
Ich fand diese Sichtweise ziemlich
interessant, die sicher nicht für jeden wohlhabenden Menschen gilt. Aber man
braucht wohl nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass auch Reiche
drogenabhängig, hedonistisch und völlig asozial sein können.


