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Donnerstag, 28. Juli 2016

Von der Korrelation zwischen Profilbild und politischer Gesinnung




Es gibt ein Internetphänomen, das mir seit mindestens einem Jahr verstärkt auffällt: 

Leute, die in sozialen Netzwerken rechte, rechtskonservative oder zumindest bürgerliche Stammtischsprüche abdrücken, haben frappierend häufig Fotos von ihren Hunden, Katzen und Kindern als Profilbild (bei Herren auch gerne Autos und Fußballmotive).

Wie kommt das?

Wollen sich die besorgten Bürger, oder auch Schüler der „hohen Schule des Lebens“, die bei „geht dich nix an“ arbeiten, der digitalen Transparenz den Stinkefinger zeigen und sich nicht zum gläsernen Bürger machen lassen?

Wollen sie die Anonymität wahren, um sich ohne Hemmungen schriftlich austoben zu können, zwar nicht in einem rechtsfreien Raum, dafür aber abgeschirmt von einer möglichen realen und spürbaren Missbilligung der eigenen Person?

Wollen sie ihre Verwundbarkeit minimieren und Angriffsflächen bezüglich ihres Aussehens gar nicht erst bieten?
 
Oder ist ihnen einfach in ihrem beschränkten Mikrokosmos nichts wichtiger als das heimische Biedermeierglück, bestehend aus Haus, Hund und Familie?


Ich weiß es nicht. Ich kann nur sagen, dass ich Leute nicht ernstnehmen kann, die Posts mit den Schlagwörtern "linksgrünversifft", "Sozialromantiker" und "RESPEKT FÜR IHRE MEINUNG!!!" hinterlassen; erst recht nicht, wenn diese in Kombination mit einem putzigen Golden Retriever oder den Balkonblumen als Profilbanner auftauchen.

Donnerstag, 3. März 2016

Verlogene Internetdebatte Folge 1347

 
vie Blogrebellen.de

Politikerbashing geht immer. Als Lieblingsfeind des Deutschen kann dieser keine Verfehlung begehen, die nicht von einem empörten Wutbürgermob mit einer ganzen LKW-Ladung Dreck über sein Haupt belohnt würde. Der Politiker, der sonst für jene Meute als willkommener Sündenbock für jegliches Ungemach und persönliche Befindlichkeiten fungiert, wird beruflich und gesellschaftlich zerstört, sobald er selbst es wagt, einen Schritt vom rechten Wege abzukommen. 

Volker Becks Meth-Geschichte ist wieder mal ein sehr gutes Beispiel für diese in sozialen Netzwerken immer wieder perpetuum-mobile-artig hochschäumende Dynamik. Ja, Crystal Meth ist eine gefährliche Scheißdroge, ja, als Person im politischen Amt sollte man im besten Fall eine lupenreine Weste präsentieren. Doch der Anlass wird mal wieder dazu genutzt, sich belogen und betrogen zu fühlen, "von den feinen Herren da oben". Meine Güte, das weiß doch jeder, dass Politiker in den seltensten Fällen das Idealbild des selbstlosen, heiligen Volksvertreters erfüllen, warum gibt es denn dann immer wieder so ein Heulen und Zähne klappern, wenn eine längst vermutete und unterstellte Entgleisung in die Öffentlichkeit gerät?

Weil es so gut tut, sich künstlich zu echauffieren und gleichsam giftige wie verurteilende Botschaften auf dem FB-Profil desjenigen zu hinterlassen, der es gewagt hat, den deutschen Wähler und Steuerzahler mit seiner menschlichen Fehlbarkeit zu hintergehen. 
 

Mittwoch, 17. Februar 2016

Wissenschaft als Religion


Verbohrte, engstirnige Kleingeister gibt es nicht nur in Kreisen Strenggläubiger. Man bemerkt sie auch immer häufiger unter den Menschen, die wissenschaftlich arbeiten oder sich zumindest den Idealen der Wissenschaft verbunden fühlen.

Die Wissenschaft, eine der Hauptsäulen einer fortschrittsorientierten, zivilisierten Gesellschaft, wird in den heute geführten Diskursen nach meinem Empfinden vom genannten Personenkreis allzu oft zum einzig legitimen Maßstab und Gradmesser absoluter Wahrheit überhöht. Aspekten, die sich bis jetzt einer wissenschaftlichen Zurkenntnisnahme oder Erklärung entzogen haben, wird jedweder argumentativer Wert abgesprochen und eine der Kategorien „irrelevant“, „lächerlich“ oder gar „esoterisch“ zugewiesen. Wenn man Glück hat, gibt es noch einen „lustigen“ Aluhutträger-Reptiloiden-Chemtrail-Kommentar obendrauf.

Ich bin niemand, der etwas mit sogenannten Verschwörungstheorien zu tun hat oder sich blindlings auf irgendwelche aus der Luft gegriffene Gedankenkonstrukte einlässt. Ich erkenne die absolute Notwendigkeit wissenschaftlicher Forschung und ihrer Einbeziehung in gesellschaftliche Dialoge an. Gerade in so emotional aufgeladenen Grundsatz-Debatten wie die über Flüchtlingspolitik, sind zuverlässige Quellen die wichtigen Fixpunkte, die dem Cyber-Bürgerkrieg gerade noch einen gewissen Rahmen verleihen.

Jedoch finde ich die Penetranz und Überheblichkeit einiger sich selbst als rational und humanistisch einschätzende Diskutanten unerträglich. Jeder Kack-Thread wird zum staatstragenden Konflikt erhoben, in dem man erst mal zeigen muss, wie unglaublich geistig überlegen man dem anderen ist. Schnell wird klargestellt: „Du bist ja gar nicht auf meinem Niveau. Und überhaupt, (jetzt kommt der Lieblingssatz) KANNST DU MIR DAS MIT SERIÖSEN (!) QUELLEN BEWEISEN?“ Ich hab dir gar nichts zu beweisen, Arschloch. Ich stehe in keinerlei Bringschuld dir gegenüber, auch wenn du dich für einen universal gelehrten Pascha hältst, dem man auf Gnade hoffend einen Beleg auf dem Goldteller servieren solle. Weißt du was? Du bist genau so eine peinliche Wurst, wie die ganzen verstrahlten Impfgegner und Pegida-Sympathisanten ect., über die du dich so gern erhebst. 
 

Dienstag, 19. Januar 2016

11 Dinge , die "Schulz & Böhmermann" zum neuen Stern am Fernsehhimmel machen.

by Musikexpress.de

#1Vorspann und Titelmusik sind sehr gut.

#2 Sybille Berg stellt die Gäste auf ihre typische ironisch-furztrockene Art vor und kann sich natürlich den ein oder anderen kritischen Kommentar nicht verkneifen.

#3 Jan Böhmermann. Bester Satiriker Deutschlands. 

#4 Olli Schulz, bekannt aus „Circus Halli Galli“, (hauptberuflich Liedermacher) co moderiert die Sendung. Und macht mit seinem lustigen, direkten und grundguten Wesen mehr her, als so mancher Gast.

#5 Die Gäste sind sehr unterschiedlich und werden bizarr kombiniert. Hoher Konflikt- und Unterhaltungswert (die alte Technik, kennt man schon aus Frauentausch).

#6 Es gibt keine feste Interviewordnung wie in anderen Talkformaten, sondern es findet ein Gespräch zwischen allen statt. Ein chaotisches Gespräch.

#7 Es wird sehr wenig geschnitten. Pannen und unangenehme Spannungen in der Runde muss der Zuschauer aushalten.

#8 Es darf über (fast) alles geredet werden.

#9 Die Gäste werden, wenn es sein muss, hart angepackt. Es gibt kein Wischi-Waschi-Konsens-Geplänkel.

#10 Jan und Olli denken sich alberne Gimmicks aus, die den beiden und manchmal auch den Gästen Spaß machen. 

#11 Nach Abgang der Gäste wird gezeigt, wie die Moderatoren das gerade Geschehene und Gesagte selbstkritisch kommentieren. 



Schulz & Böhmermann, Sonntags 22.45 Uhr auf ZDFneo oder vorab um 20.15 in der Mediathek.

Samstag, 12. Dezember 2015

Plauderei mit Visa Vie

Visa Vie, die beliebte ehemalige Moderatorin und Interviewerin bei 16Bars.TV, hat Ende Oktober ein neues Interviewformat auf Youtube gestartet. In "Zum Goldenen V" empfängt die zauberhafte Dame ihre Gäste in einer Berliner Bar. Für zwei bis drei Stunden, wohlgemerkt.

by Visa Vie


Denn Visa liebt Qualitätsjournalismus und gibt sich nicht mit vorhersagbaren, oberflächlichen Fragen und Antworten zufrieden. 
Bisher hat sie sich Serdar Somuncu, Schwesta Ewa und Olli Schulz vorgenommen und aus diesen (zumindest für mich) sehr interessanten und eloquenten Persönlichkeiten durch ihre empathische und verbindliche Art so einiges herausgeholt, was  normalerweise nicht so freiherzig preisgegeben wird.

Das Interview besteht aus vier Teilen, die einzeln in regelmäßigen Abständen hochgeladen werden, um die geneigte Zuseherschaft nicht mit der Gesamtlänge zu überrollen. 
Zu Beginn wird mit Pfeffi-Schnaps vorgeglüht und sich mit Smalltalk in Redelaune gebracht. In der zweiten Phase "Redebedarv" beginnt das tiefergehende Gespräch und es wird über Themen diskutiert, die sich der Gast vorher aussuchen darf. Anschließend unternehmen Visa Vie und ihr Partner einen "Vreigang" (z.B. zur Erotikmesse oder zum Graffiti sprühen) und werden nach der Rückkehr in die Bar von einem musikalischen (Newcomer-)Act überrascht, der fleißig mitplaudern darf.

Schon jetzt hat "Zum Goldenen V" einen riesigen, unglaublich loyalen und emotional involvierten Zuschauerkreis, der nach gerade einmal knappen zwei Monaten Anlaufzeit jede Folge feiert und die Parts mit scharrenden Füßen erwartet.  

Eigentlich  würde ich sagen, dass so eine qualitativ hochwertige Sendung viel zu gut dafür ist, um nur auf Youtube ausgestrahlt zu werden. Andererseits ist das Format gerade so frisch und originell, weil Visa sich in keinster Weise nach den Vorgaben eines Fernsehsenders richten muss und bei der Planung und Durchführung freie Hand hat.

Ich wünsche Visa und uns, dass es noch viele, viele sehenswerte Folgen geben wird und dass ihr niemals der Charme oder spannende Interviewpartner ausgehen. 


Montag, 2. November 2015

Auf eine Zigarette mit Moritz Neumeier


Jeden Montag meldet sich der Hamburger mit Schiebermütze und obligatorischer Zigarette zu Wort und kommentiert mit nordischem Charme die Geschehnisse Europas und der Welt.

Diese Woche nimmt er sich den VW-Skandal und mal wieder die Flüchtlingskrise vor:



Samstag, 24. Oktober 2015

Warum ich Asi-Teenager aus dem TV mag


Seien wir mal ehrlich: was empfinden wir Fernsehzuschauer, wenn wir gewisse Formate auf Privatsendern, die„von Asis für Asis“ produziert sind, sehen? Zumeist Verachtung, Ekel, Mitleid oder Überlegenheit . Der Reiz des downward comparison stellt eine große Verlockung dar, der man nahezu reflexhaft nachgibt.

Ich habe mit der Zeit festgestellt, dass ich gerne Sendungen über „gescheiterte“ Jugendliche des Prekariats schaue, die innerhalb von 4 Wochen von unseriös wirkenden Coaches wieder auf die richtige Bahn gebracht werden sollen (zu nennen wären beispielhaft „Die Mädchengang“, „Die strengsten Eltern der Welt“ und „Die Ausreißer“). Und zwar nicht (nur), um mich an der Ungebildetheit und Ungehobeltheit der dargestellten Figuren zu ergötzen. Überraschenderweise finde ich manche der jugendlichen Charaktere symphatisch. Warum das?




by Spiegel Online




Ich vermute, ich fühle mich trotz großer Unterschiede in Bezug auf Lebensstil und Einstellung mit ihrem gesellschaftlichen Außenseitertum verbunden. Mir gefällt ihre Verweigerung gegenüber bürgerlicher Ideale und Ziele, womit ich natürlich nicht die kriminellen und menschenverachtenden Aktionen meine, die von privaten Fernsehproduzenten mit Vergnügen herausgestellt werden. Ich meine ihre Fuck-it-Attitüde, die das esoterisch vielfach gepredigte „Leben im Moment“ umzusetzen hilft und die Last der Vergangenheit und die Angst vor der Zukunft lindert. Karriere, Fleiß, Ehrgeiz und Verzicht spielen eine untergeordnete Rolle und der Umgang mit Genüssen ist unverkrampft und reuelos. Im Sinusmodell würde man die Teenager wohl dem hedonistischen/ konsum-materialistischen Milieu zuordnen. 
 



by wn.com




Wer mir weitaus mehr auf die Nerven geht als die zugegebenermaßen rotzfrechen Asi-Kids: die ominösen Coaches/ Erzieher/ Autoritäten (ich mein, wie professionell sind Psychologen und Sozialpädagogen, die sich RTL-Formate hingeben?), die dauernd in mal bedrohlichen, mal eindringlichen, aber immer pathetischen Ton „Du verspielst deine Zukunft“ oder „Du musst dein Leben ändern“ sagen und damit klarstellen, dass nur der bürgerliche Lebensweg seligmachend ist und dem Dasein seinen Sinn verleiht.



Ich will hier nicht die kriminellen Handlungen, die die dargestellten Jugendlichen anscheinend begehen, relativieren. (obschon ich stark davon ausgehe, dass nur ein kleiner Teil davon tatsächlich passiert ist). Es tut einfach nur gut, NICHT so zu reagieren, wie es die Produzenten der genannten Formate mit ihren hanebüchenen Drehbüchern von mir erwarten. Ich soll die Mädchen und Jungs zum kotzen finden, ich soll sie als grässliche Monster wahrnehmen, die am Ende von den geduldigen Helfern wieder in echte Menschen verwandelt werden. Ich soll sie hassen und vielleicht auch ein bisschen Angst vor ihnen haben. Stattdessen MAG ich sie. Jedenfalls mehr als die Pimmelköpfe von Fernsehproduzenten .

Dienstag, 29. September 2015

Zeitschriften-Watch: GRAZIA


 GRAZIA, Nr. 40, September 2015



Kunstwerk (S. 13): eine 08/15-Jeans im Used-Look für 260 € wird als "Kunstwerk" bezeichnet. Wusste ich gar nicht, dass überteuerte Konsumartikel, die sich dem Mainstream-Geschmack anbiedern, jetzt als Kunst gelten.

Magersucht (S. 16f, S. 60ff): in Zuge eines investigativen Reports wird Victoria Beckham scharf dafür verurteilt, dass sie bei ihren Fashionshows nur ultradünne Mädchen laufen lässt, die sie angeblich dadurch in die Magersucht treibt. Dass nicht VB persönlich, sondern die komplette Modeszene und die Gesellschaft im Allgemeinen das dünne Schönheitsideal abfeiern und Frauen massiv unter Druck setzen, wird komplett ignoriert. Janusköpfig, wie jede andere Frauenzeitschrift auch, untergräbt GRAZIA ein paar Seiten weiter ihre heuchlerische Moralpredigt über Verantwortungsbewusstsein mit einer Modestrecke, die von einem Skelettmodel präsentiert wird.

Nazi (S. 20): Angelina Jolie's Messersammlung für Sexspiele ist ok, sagt die Redaktion. Aber dass Brad Pitt sich jetzt ein antiquiertes Motorrad aus dem Zweiten Weltkrieg gekauft hat, ist voll uncool. (Implizit: wen Artefakte des Zweiten Weltkriegs faszinieren, kann ja nur den Nationalsozialismus gut finden.)

Ryan Gosling (S. 22f): es wird gemutmaßt, dass Ryan sich von seiner Ehefrau Eva Mendes getrennt hat. Diese Vermutung basiert auf dem äußerst aussagekräftigen Indiz, dass Mendes letztens ein Interview gab, in dem sie -ach du Schreck!- kein einziges Wort über ihren Mann verlor. Die Schrapnells von GRAZIA können sich anscheinend gar nicht vorstellen, dass man auch als liierte Frau ein eigenständiges Leben führen kann. 

Band-T-Shirts (S. 24): die Leserinnen sollen sich flott ein paar "authentische" Band-T-Shirts von Slipknot, Van Halen und Konsorten bei H&M holen. Man muss schließlich den richtigen Look geshoppt haben, wenn man headbangen geht. Als Starbucks-verehrende GRAZIA-Leserin.

Transgender (S. 32): Shiloh, die Tochter von Brad und Angelina, ist vermutlich ein Mensch mit Transgender, weil sie gern kurze Haare trägt, mit Jungs spielt und den Namen "John" spitze findet. Okeydokey.

Dislike-Button (S. 36): GRAZIA fände einen Dislike-Button bei Facebook totaaal doof. Es gibt doch schon viel zu viel Hass im Internet. Lieber Peace, Love und Harmony! Kollektives Kuscheln statt Kritisieren erwünscht. 

Cara Delevigne (S. 38 f): das britische Model steht angeblich kurz vor dem Karriere-Aus, weil sie es gewagt hat, ihren Arbeitgeber Modeindustrie zu kritisieren: Modeln sei hohl und hätte ihre Seele aufgefressen. Die Zeitschrift findet, dass sie natürlich selbst Schuld ist, wenn sie nun nicht mehr gebucht wird. Hätte sie mal lieber ihre große, freche Klappe gehalten und brav und ergeben mitgemacht. 

Health Food (S. 54 f): eine superbusy Karrierefrau ist körperlich abgeschlagen und erschöpft. Ihre Lösung ist eine "gesündere" Art der Ernährung, welche so einseitig ist, dass sie ins Krankenhaus muss. Natürlich wird in dem Artikel an keiner Stelle das zugrundeliegende Problem benannt: die Frau lässt sich von der ewigen Tretmühle namens Karriere kaputt machen und doktert durch Veränderung der Ess- und Schlafgewohnheiten an den Erschöpfungssymptomen herum, anstatt an der Quelle des Leids zu arbeiten. 

Beziehung (S. 58 f): die Story einer im Kern unselbstständigen und hilflosen Endzwanzigerin, die ihren noch willigen Ex seit Monaten ohne schlechtes Gewissen ausnutzt. Er streicht ihre Wohnung, leiht ihr viel Geld, kutschiert sie umher und stellt dabei seine Bedürfnisse komplett zurück. Zwei beschissene Botschaften werden hier vermittelt: 1. Männer müssen Frauen jeden Wunsch von den Lippen ablesen, damit sie überhaupt den Hauch einer Chance bei ihnen haben. 2. Es ist natürlich und vollkommen ok, als Frau des 21. Jahrhunderts von der Hilfe eines Mannes so abhängig zu sein, dass man ohne ihn den Alltag nicht mehr gebacken bekommt.

Sonntag, 20. September 2015

#KunstundKonfetti: ein Abend mit MC Fitti


Du siehst mich auf jeder Vernissage- Du auf'm Fixie, ich auf'm Dixi- Alles scheiße, Kunst ist für'n Arsch. 

MC Fitti, "Fitti mit'm Bart"


Als hochintellektuelle und kulturell interessierte Artverwandte des Bildungsbürgertums konnten Preussischer Widerstand (PW) und ich (Pasota) uns nicht der gestrigen Eröffnung der Ausstellung "EGO UPDATE- Die Zukunft der digitalen Identität" im Düsseldorfer NRW-Forum entziehen. Ich-Bezogenheit, Narzissmus, Selbstdarstellung und Online-Persönlichkeit sind die Schlagwörter, auf die sich die Ausstellungsstücke beziehen. Passenderweise hatte man den hippen Gute-Laune-Rapper und selbsternannten "Selfie-Gott" MC Fitti geladen, der eine Bronzebüste seines Konterfeis mit einer Performance einweihte.

Wie ich den Auftritt fand und was PW in der Ausstellung und im Museumsshop gesehen hat, berichten wir euch folgend im Detail.


Der Auftritt


Die MC Fitti-Performance ist sehr exklusiv. Nur 70 Leute werden gegen Aufgeld zur Blackbox aka der Bühne im abgesperrten Ausstellungsraum zugelassen. Der Rest, zu dem PW, ich und unsere liebe Freundin gehören, drückt sich als Zaungäste im Foyer und Café herum, wo eine mittelgroße Leinwand die Geschehnisse im Inneren überträgt. Nach einer Verspätung von 15 Minuten, in denen die Zuschauerschaft hypnotisiert auf einen Bildschirmschoner in ironischer Windows 95-Vaporwave-Optik stiert, geht es los. Der 'Selfie-Gott' stürmt in seinem typischen signaturelook (Cap + Sonnenbrille + Bart + Grinsefresse) in den knallbunten Holzverschlag und startet mit seiner Hipsterhymne „Yolo“. Der Sound ist miserabel, das Mikro zu leise, der Bass zu laut, die Akustik der Backsteinvorhalle verzerrt alles zu einem undefinierbaren Discogelärme. Der Rapper legt jedoch, begleitet von einer tanzenden Plüschmaus, eine energetische Performance hin und schafft es, das mitunter steife und vergeistigte Kunstpublikum zum wippen und lächeln hinzureißen. Direkt vor PW's und meinen Augen tut sich ein absurdes Bild auf: ein asiatischer Kunstsammlertyp älteren Semesters, ganz in schwarz gekleidet, mit Hut, runder Sonnenbrille und Lederstiefelletten, genießt zu seinem teuren Abendessen mit Weißwein die trashige Darbietung und lässt es sich nicht nehmen, verzückt ein paar Filmaufnahmen mit seinem Smartphone zu machen. Ich denke darüber nach, wie schwer es mir fällt, MC Fittis Zielgruppe einzugrenzen. PW hingegen träumt von dem Bratwürstchen, das der Asiate auf seinem Teller hat. Plötzlich knallt ein Konfettiregen als Höhepunkt und Finale auf uns herab. Nach nur 5 Songs, darunter sein bekanntester Hit „Whatsapper“, „Fitti mit'm Bart“, „Geilon“ und „30 Grad“, endet die Show und Fitti kann seiner Lieblingsaufgabe nachgehen: Selfies mit seinen zahlreichen großen und kleinen Fans machen und eine nice Stimmung verbreiten.


Hurra! Konfetti!



Die Gadgets - Museumsshop


Nachdem im Foyer etwas Ruhe eingekehrt ist, drücken wir uns für eine Weile im Museumsshop herum. Wir wollen schließlich sehen, mit welchen Gadgets wir unser eigenes perfektes Selfie kreieren können. Neben ‚Do-it-Yourselfie-Guides‘, wo für den geneigten Egomanen in zahlreichen Bildern beschrieben wird, wie er sich drehen und verbiegen muss, um das Beste aus seinem Ich herauszuholen, finden sich auch lustige Verkleidungen für Babys (man kann ja mit der Selbstinszenierung schließlich nie früh genug anfangen) und Selfie-Sticks von geschätzten 8 Metern Länge. Anschließend gibt jeder sein Best-of  an Geschichten von Selfieunfällen, die jeder für sich den Darwin-Preis verdient hätten. Ich sag nur Selfie in der Achterbahn.


Big Dislike übrigens für diese Stempel. Obwohl vielleicht sollte man die auf der Behörde einführen. Ich habe da so Ideen fürs Jobcenter oder das Bundesamt für Flüchtlinge. Ironie off.


Die Ausstellung


Gleich im ersten Ausstellungsraum werden wir mit Selfies konfrontiert, die in ihrer Darstellung so banal und doch in ihrer Anordnung auch irgendwie faszinierend auf mich wirken. Gähnende Menschen. Plötzlich beginne ich zu erahnen, wie viel Milliarden an Fotomaterial sich im World-Wide-Web befinden muss. Diese Sehnsucht der Menschen jeden Moment unsterblich zu machen, sich als etwas besonders zu fühlen, sich wie auch immer auszudrücken, erschlägt mich fast ein bisschen. 

Mein preussisches Gehirn beginnt wieder herum zu philosophieren: Ist das die Angst vor dem Verfall und dem Tod, die uns ständig antreibt, uns so auf diese Weise zu produzieren? Schließlich gab es zu jeder Zeit und in jeder Epoche Selbstportraits. Nur, dass im Mittelalter natürlich nicht jeder dazu fähig war, sich selbst zu zeichnen. Daher haben wir auch nur die großen Meister wie Dürer, Van Gogh oder Rembrandt auf die Leinwand gebannt. Würden sie, wenn sie heute lebten, auch lieber „künstlerische“ Selfies von sich machen? Schließlich ist das so viel einfacher. 



Heaven is a halfpipe. So zeigt sich das nächste Kunstobjekt von Erik Kessels mit dem Titel „My Feet“. Mein Dangermouse-Herz schlägt höher als ich feststelle, dass es sich hier um Erlebniskunst handelt. Ich bin kein Freund davon, mir Kunst nur pseudointellektuell aus der Distanz anzugucken. Die Halfpipe kann über eine Treppe bestiegen werden. Während Pasota noch ein wenig mit ihrer Höhenangst hadert, die sie dann aber tapfer besiegt, schaue ich mir schon mal genauer an, was hier in unzähligen Bildchen abgebildet ist. Füße. Füße in Schuhen, Socken, Zehen im Sand und auch einige Füße, bei deren Betrachtung wir uns einig sind, dass derjenige damit dringend zum Arzt sollte. Warum fotografieren wir uns Stinkemauken? Ich gebe ehrlich zu, dass ich es selbst auch schon einige Male getan habe, was unter anderem die Fotos oben beweisen.


Besonders beeindruckend finden wir unter anderem eine Bilderserie von dem britischen Fotograf und Videokünstler Robbie Cooper. Er thematisiert das ‚Alter Ego‘. Dabei hat er Gamer neben ihren Avataren abgebildet. Man könnte ja meinen, dass die Avatare und ihr Erschaffer, wie bei unserem milchgesichtigen Jungen hier, sich völlig unähnlich sind, doch ich war erstaunt, wie ähnlich manche Onlinespieler ihren Figuren im Netz sahen. Nicht alle nutzen ihre Phantasie, um in eine wirklich ganz neue Rolle zu schlüpfen. Ich denke, dieses Thema hätte sogar eine eigene Ausstellung verdient.



Das Beste habe ich mir natürlich bis zum Schluss aufgehoben. Die Ausstellung hört nämlich nicht in den Toilettenräumen auf. Wie auf der Kirmes, wo man seinen Kopf durch eine mit einer fetten, bärtigen Frau bemalten Bretterwand stecken kann, waren hier die Spiegel mit sogenannten Selfie Templates abgeklebt. Sich beim Händewaschen lesbischen Fantasien hinzugeben ist schon interessant. Leider war unsere liebe Freundin etwas zu klein, um ihr Gesicht in der Spiegelfläche ansehen zu können. Aber was wäre das Selfie, ohne die ganzen Legionen der Instagram-Babes, die rund um die Uhr für Männerfantasien verfügbar sind? Wie es wohl auf der Herrentoilette aussieht?!

Für alle Interessierten: Die Ausstellung geht noch bis zum 17.01.2016

alle Fotos by preussischer Widerstand