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Dienstag, 23. Februar 2016

„Tiere sind viel besser als Menschen! Sie haben mich noch nie enttäuscht!“


Solche Sachen sagen wohl sozial Beeinträchtigte, die sich nicht eingestehen wollen, sozial beeinträchtigt zu sein. „Menschen sind sooo scheiße, ich werde immer belogen und betrogen und verlassen und ich kann gar keinem mehr vertrauen“. Weinerlich die Opferhaltung einnehmen. Immer den Fehler bei den Anderen, im Außen suchen. Und nicht den Gedanken zulassen, dass es vielleicht an den eigenen verkorksten Beziehungsmustern und Erwartungshaltungen liegen könnte, warum man immer an Leute gerät, die einen enttäuschen.

Stellt euch mal vor, die ganze Menschheit wäre nicht von Grund auf verdorben und böse (obwohl das ein sehr verführerischer Gedanke ist), sondern ein komplexes Netz sozialer Interaktionen, in dem jedes Individuum eigenverantwortlich agiert und reagiert. Ein System, das man vielleicht als schlecht und ungerecht empfinden kann, dessen Teil man jedoch immer ist und welches man immer, immer, auch unfreiwillig mitbeeinflusst. Vor der regelmäßigen Konfrontation mit seinen eigenen Gefühlen, Beweggründen und Handlungsmustern, besonders den destruktiven und selbstschädigenden, sollte man deshalb keine Angst haben. Natürlich ist es einfacher, sich mit allem möglichen Kram abzulenken. Schwieriger ist es, sich selbst mit der eigenen Fehlerhaftigkeit und Ängsten auszuhalten.

Ich gehöre übrigens auch zu den sozial Beeinträchtigten. Und es wäre ein leichtes, den ganzen Wichsern, die mich über Jahre gemobbt und gepeinigt haben, die Alleinschuld für mein vermurkstes Dasein zu geben. Aber ich weiß, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als das Erlebte zu bearbeiten und verstehen zu lernen, warum ich so fühle und handle, wie ich es heute tue.

Und mal ehrlich, das kann einem kein Haustier, so niedlich und liebenswert es auch sein mag, der Welt abnehmen.


Sonntag, 24. Januar 2016

Du bist nicht so wichtig, wie du glaubst.


Jeder nimmt sich selbst bierernst. Nicht viele gestehen es sich zu, gelegentlich Abstand von sich selbst und seinen Befindlichkeiten zu nehmen. Befindlichkeiten überhaupt sind die Wegweiser. Grundlage jedes Disputs, jeder egoistischen und verletzenden Aktion, jedes gekränkten Stolzes. Eine zeitweise Distanzierung von der Ideologie seines Egos wird als Schwäche, Unterordnung gewertet. Bloß nicht abweichen, nachgeben, Meinungen revidieren. Über uns selbst lachen? Sind wir dafür nicht alle zu verbohrt? Ich soll Rücksicht auf die Befindlichkeiten der anderen kleinen Sonnenkönige nehmen. Darf kein Wort tiefgehender Kritik oder des Unverständnisses fallen lassen, es sei denn, ich habe das Bedürfnis, einen verbitterten Glaubenskrieg zu führen, der jede Seite in ihrer Position bestärkt.

Meinungen sind Schall und Rauch. Doch derweil (oder: seit jeher?) das wichtigste Kriterium, um herauszufinden, ob ein Mensch Freund oder Feind ist. Nicht jede Meinung hat was mit Wertvorstellungen und Idealen zu tun, sonst könnte man sich diesen Umstand ja noch erklären (wer gegen Menschenrechte ist, ist halt einfach ein Feind). Stattdessen lassen wir oft genug banale Fragen des Geschmacks unsere Beziehung zu anderen Menschen bestimmen. Geschmacksfetischismus. In Stein gegossene Paradigmen der eigenen Vorlieben, die wir mit Klauen und Zähnen verteidigen, als ginge es um was. Dabei geht es nur selten um was. Den Großteil der Zeit sind wir einfach nur anmaßend. Weisen dem Ich und seinen Absonderungen in die Außenwelt eine übergroße Bedeutung zu.

Eines Tages flippe ich vielleicht im Bus aus und brülle die anderen Passagiere an; dass sie unwichtig sind und irrelevant im Weltenlauf, einer Selbsttäuschung aufgesessen, um die Sinnlosigkeit ihres Daseins verkraften zu können etc. etc. Dann würde ich mich selbstzufrieden in den Sitz fallen lassen und mich selbst so unheimlich besonders fühlen, weil ich ja alles durchschaut habe. Der kleine Sonnenkönig in mir freut sich prächtig über diese Streicheleinheit, schon jetzt, bevor ich überhaupt den Plan umsetzen konnte.

Samstag, 19. Dezember 2015

Esoterik ist unterlassene Hilfeleistung


Ich habe wieder einmal feststellen müssen, dass esoterische Lebensberatung (beispielsweise in Form von Büchern oder Coachings) nichts für Leute mit psychischen Erkrankungen ist. Häufig als Rettungsanker angesehen, der Halt geben soll, wenn andere Methoden nicht recht klappen wollen, kann sie in einer deutlichen Verschlechterung der Gesamtsituation des Kranken resultieren.
 
Du bist nicht krank

Seit einigen Jahren lese ich hin und wieder mal esoterische und populärpsychologische Selbsthilfebücher. Die meisten hatten Hand und Fuß und konnten mir einige neue, hilfreiche Sichtweisen vermitteln. Allerdings hatten sie einen beunruhigenden Ansatz gemein: psychische Störungen werden als solche nicht anerkannt;  es wird ihnen explizit und implizit der Krankheitswert abgesprochen. Stattdessen wird von "selbsterzeugtem Mangel",  schlechten Schwingungen und der Bestimmung des Einzelnen in der Ordnung des Universums geredet. Diese Verharmlosung der Krankheiten kann gefährlicherweise dazu führen, dass a) der Betroffene seine Behandlungsbedürftigkeit nicht akzeptiert und b) die gesellschaftliche Anerkennung von psychischen Störungen und die Rücksichtnahme auf Betroffene noch dürftiger werden, als sie es jetzt schon sind.

 Du bist selbst schuld

Die dort erläuterte "Behandlungsmethode" lautet: Abwälzung der Problematik auf die Selbstverantwortlichkeit des Einzelnen. Psychische Probleme (und auch organische Krankheiten) seien selbstverschuldet und könnten deshalb nur vom Jeweiligen allein und ohne Hilfe von außen gelöst werden. Die Störungsbilder seien ausschließlich durch die Veränderung von Denkmustern und Glaubenssätzen oder durch Einsatz von meditativen Praktiken oder Achtsamkeit zu beheben. Genetische und biologische Faktoren, die eine Medikation erfordern, werden vollkommen außen vor gelassen oder gar als Ausreden, um sich nicht mit den wirklichen Problemursachen konfrontieren zu müssen, verunglimpft.


Nur du allein kannst dir helfen

Stattdessen solle sich der Klient endlich mal aus seiner Opferhaltung begeben und vollste Verantwortung für sich und seine Lebenssituation übernehmen. Prinzipiell finde ich es einen guten Ansatz, seine persönliche Kraft und Entscheidungsgewalt anzuerkennen, um nicht hilflos und passiv dem Leben gegenüber zu stehen. Allerdings kann diese Anspruchshaltung gegenüber sich selbst einen psychisch Kranken unglaublich unter Druck setzen. Er muss nicht nur mit dem Leid seiner Krankheit klarkommen, sondern auch noch die Last seiner angeblich selbstverschuldet gescheiterten Heilung auf sich nehmen. Ein nicht endender Kreislauf von Überforderung, Verzweiflung und Selbsthass beginnt. Erfolglos versucht er sich wie Münchhausen am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen.

 Schulpsychologie ist schlecht für dich

Wie man sich denken kann, findet in esoterischen Ratgebern gleichzeitig eine allgemeine Abwertung der Schulpsychologie statt. Diese adressiere ja nicht die wahren Gründe psych. Erkrankungen, sondern wolle den Klienten nur möglichst schnell wieder zum funktionstüchtigen Rädchen machen und dabei massig Kohle mit Pharmazeutika verdienen. Dabei funktioniert die esoterische Selbstoptimierungs- und verwirklichungsschiene genauso wie unsere neoliberale Wirtschaftskultur! Auch hier gilt: Jeder ist seines Glückes Schmied! Du musst dich anstrengen, du kriegst nichts geschenkt! Wer Hilfe annimmt, ist schwach! Wer es nicht alleine packt, hat es halt nicht anders verdient! Postmaterielle Selbstoptimierung unterscheidet sich von der materiellen anscheinend nur in den zu erreichenden Zielen und Werten, nicht jedoch in der Herangehensweise.

Für gesunde Menschen, die einfach nur unzufrieden mit ihrem Leben sind und in der Hinsicht Input brauchen, können Teilbereiche der Esoterik eine ganz interessante und inspirierende Angelegenheit sein. Wenn man die Kapazitäten und die Energie dazu hat, sich reflexiv und konstruktiv mit den Inhalten auseinanderzusetzen, warum nicht. Ich sehe nur ein großes Problem darin, wenn depressiven, angst- oder persönlichkeitsgestörten Menschen vermittelt wird, es sei doch alles ganz einfach und sie seien nur zu faul oder zu feige, um ihre Heilung anzugehen. So ein Urteil könnte ich nämlich auch kostenlos von Großtante Erika beim Adventskaffee bekommen.

Dienstag, 8. Dezember 2015

Coffee-Manifesto



by webinteresante.com


1.) Kaffee ist ein Genussmittel und kein Treibstoff für Arbeitsmaschinen.

Kaffee ist lecker und hat keinen Nährwert. Das macht ihn zu einem Getränk, an dem man sich ohne besonderen Nutzen erfreuen kann. Man kann seine belebende Wirkung jedoch dafür missbrauchen, seinen übermüdeten und erschöpften Körper soweit in Schuss zu bringen, dass man seine Arbeits- und Alltagspflichten erfüllen kann. Dafür sind Genussmittel nicht gedacht. Schluck doch gleich Koffeintabletten oder anderen chemischen Driss, der Menschen mit körperlichen Bedürfnissen und Gebrechen in stets funktionierende Zahnrädchen zu verwandeln hilft.

2.) Scheiß auf 'Coffee to go'.

Hätten diese Leute, die sich täglich ganz busy und eilig ihren Coffee to go holen und dabei nicht mal eine Minute länger warten können, weil sie im Halteverbot stehen oder ihre Bahn kriegen müssen, überhaupt etwas zu erzählen, wenn man sich mal mit ihnen ein paar Stunden an den Cafétisch setzen würde? Etwas, das über Arbeit, Alltag und Familie hinausgeht? Ich bezweifle, dass diejenigen, die sich noch nicht mal 15 Minuten Zeit und Muße für ein heißes Getränk nehmen, sich mehr als einmal im Jahr (an Silvester) mit den grundlegenden Fragen des Lebens auseinandersetzen.

3.) Trinke in unabhängigen, inhabergeführten Cafés.

Wer will schon amerikanischen Riesenunternehmen, die überteuerte „Kaffeespezialitäten“ verkaufen, einen auf Fair-Trade machen und gleichzeitig ihre Mitarbeiter nach neoliberal-kapitalistischer Manier aufs Übelste ausbeuten, das Geld in den Rachen werfen? Da kauf ich lieber irgendeiner Tante mit einer „Kaffeemanufaktur“ zehn vegane, handgeklöppelte Oma-Kuchen ab und verzeihe ihr die Hafermilch im Cappuccino.

4.) Lass das Smartphone beiseite.

Ja, ich habe mittlerweile eingesehen, dass Smartphones auch ihre guten Seiten haben. Allerdings glaube ich nicht, dass mir ein Smartphone etwas geben könnte, was mir ein Café mit einer guten Zeitschriftenauswahl, Musik und interessanten Gästen nicht geben könnte. Und ganz ehrlich, wie viel Angst muss man vor den Anwesenden und seinen eigenen Gedanken haben, um jede freie Minute mit Candy Crush und Whatsapp-Geblubber totzuschlagen?

5.) Wähle deine Gesellschaft sorgfältig.

Die besten Begleiter des Kaffees sind süße Backwaren, Zigaretten und gute Gespräche. Gute Gespräche führt man nicht mit nervigen Kolleginnen oder Ex-Grundschulfreundinnen, die einen nicht zu Wort kommen lassen, nur über sich und ihren Freund sprechen, sich vor Redepausen fürchten oder im schlimmsten Fall gar nichts zum Gespräch beitragen. Mit denen geht man besser einen Hugo oder dergleichen trinken. 


Donnerstag, 10. September 2015

Arbeitslager Ich


Der Mensch ist und war immer auf der Suche nach dem guten Leben. Warum bedeutet „das gute Leben“ heutzutage, dass man freiwillig auf die Dinge verzichtet, die das gute Leben ausmachen? Genuss, Spaß, Muße, unvernünftig sein, Nicht-Maß-halten-müssen, Exzess, Emotionalität und viele andere Kostbarkeiten des Lebens sind so unglaublich unbeliebt in unserer Welt des perfektionierten Mittelmaßes.

Ich soll Befriedigung darin finden, mich zu disziplinieren, Verzicht zu üben und selbst- und fremd auferlegte Verbote und Verhaltensregeln einzuhalten. Meine Erfüllung soll darin liegen, meine Fehler und „schlechten“ Angewohnheiten zu erkennen und auszumerzen. Selbstoptimierung für eine perfekte Zukunft, in der nichts schiefgehen darf. In der ich möglichst nicht die Konsequenzen der Vergangenheit tragen soll.

Ungesunde Ernährung? Kein Sport? Rauchen? Geld verschwenden? Zeit verschwenden? Auf die Rente scheißen? Gefühle öffentlich ausleben? Ehrlich sein? Aus dem Affekt heraus eine Dummheit begehen? Alles uncoole Sachen, die den „Täter“ direkt als unreif, undiszipliniert, ungehobelt, egoistisch oder bedenkenlos entlarven. Wer erwachsen ist und mitten im Leben steht, muss doch erkennen, dass nicht jeder kann, wie er will und dass das Leben kein Ponyhof ist und dass man dann schon sehen wird, was man davon hat und so weiter.

Im Grunde sind es doch nur die Zukunftsängste der Menschen, die sie zum Verzicht auf das Einzige, was sie haben (die Gegenwart), bewegen. Sie schicken sich ins Arbeitslager Ich, um jegliches potenzielles Unheil, dass sie in der Zukunft ereilen könnte, so klein wie möglich zu halten. Das Leben mit seinen perfekten Unperfektheiten wird auf später verschoben. Wenn man sich sein ganzes Leben lang kasteit und eingeschränkt hat, hat man sich als Rentner auch mal sein allabendliches Glas Wein verdient. Aber nur dann.

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.


Dienstag, 18. August 2015

Die Langeweile tötet dich.


Schon sehr früh verstand ich, was der wahre Fluch des Lebens ist. Der wahre Fluch des Lebens ist weder die Arbeit, noch die Sinnlosigkeit des Daseins, nicht einmal der Schmerz oder die Krankheit: der wahre Fluch des Lebens ist die Langeweile. Nur wer die Langeweile bezwingt, lebt. Nur wer es schafft, etwas anderes zu tun, als die Zeit totzuschlagen, verdient es, zu sagen: "Ich habe gelebt" . 


Vladimir in: "El corrector", Ricardo Menéndez Salmón, Übers. Pasota

 

Dienstag, 16. Juni 2015

Du Heulsuse! Reiß dich mal zusammen!

by preussischer Widerstand






„Heul doch!“ „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ „Weinen macht hässlich.“ „Wein doch nicht wie ein Mädchen!“ Weinen ist ein Tabuthema. Sogar für mich. Lange Zeit rühmte ich mich sogar damit, dass ich noch nie in der Öffentlichkeit in Tränen ausgebrochen war. Schließlich habe ich so etwas wie Affektkontrolle. Meine nordische Mentalität verbot es mir geradezu zu weinen. Ich heul doch nicht wegen jedem Scheiß. Auch wenn man Frauen diesen Gefühlsausbruch mehr zubilligt, wollte ich nie in diese Klischeeecke gedrängt werden. Am Ende nimmt mich keiner mehr Ernst. Weinen ist unprofessionell. Allerhöchstens in meinen vier Wänden, wo es nur mein Partner mitbekommt. Selbst meine engsten Freunde haben dieses Vergnügen höchst selten mit mir gehabt.
Bis zu jenem Tag, wo ich auf offener Straße, nach einem ganz grauenhaften Tag, plötzlich die Fassung verlor und an einer Ampel zu flennen begann. Nachdem der erste Impuls der Scham verflogen war, wurde es mir dann langsam egal, was die vorbeigehenden Passanten wohl denken mochten. Mittlerweile glaube ich ja, man ist noch nicht wirklich in Düsseldorf angekommen, wenn einem das nicht einmal passiert ist. 

by preussicher Widerstand
Aber kann man eigentlich auch zu viel weinen? Diese Frage beschäftigte mich in der letzten Zeit häufiger. Mein Freund hat dazu folgende Ansicht: „Die Tränen müssen geweint werden. Du hast gar keine Wahl, wenn du dich beruhigen und weiter kommen willst. Wenn du sie zurück drängst, sitzen sie fest und blockieren dich beim Weitermachen.“

Zuerst war das für mich schierer Bockmist. Wer ständig heult, wird noch mehr heulen und immer tiefer in seinem Leid versinken. Dies muss unbedingt vermieden werden. Das war meine tiefe und völlig unhinterfragte Überzeugung. Klingt ja auch irgendwie logisch und vernünftig. Natürlich habe ich diese Überzeugung nicht selbst entwickelt. Sie entstammt einer Prägung aus meinem Elternhaus. Dort galt stets die Regel sich von schlechten Gefühlen irgendwie abzulenken. Am besten durch Arbeit. Weinen war zwar erlaubt, aber bitte nicht zu lange und zu intensiv. Trennung, Enttäuschungen, Misserfolge und Abschiede durften betrauert werden, aber es gab eine Grenze, wo das Verständnis langsam kippte. 

„Also wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich jetzt allen Leuten zeigen, dass ich mich nicht unterkriegen lasse und ihnen demonstrativ zeigen, wie gut es mir geht. Lach doch mal wieder.“ „Aber ich bin noch nicht soweit.“ „Trotzdem kann du dich ja nicht ewig so hängen lassen.“ „Habe ich ja auch gar nicht vor. Aber ich kann mich ja auch nicht selbst belügen.“
Solche oder ähnliche Dialoge habe ich öfter führen müssen. Seitdem begleitet mich der Gedanke, dass ich zu viel weinen könnte. Aber wo ist die Grenze? Was bedeutet es überhaupt zu weinen?
Ich halte meinen Freund für ziemlich weise. Er wird nie müde mir zu sagen, dass jede Träne auf dem Weg des Lebens geweint werden müsse. Kritisch lege ich den Kopf schief. Ich bin nicht einverstanden mit dieser Aussage. „Aber die Tränen werden doch dann mehr!“ protestiere ich. „Man kommt dann da nicht mehr raus. Niemand mag Heulsusen und Trauerklöße. Am wenigsten bei sich selbst.“ Mein Freund lächelt wie Buddha. „Es wird nur schlimmer, wenn du glaubst, dass es schlimmer wird.“ Ah, diese bestechende Logik, die mir auf den ersten Blick total unlogisch vorkam.
Er geht davon aus, dass in solchen Fällen die eigene Einstellung darüber entscheidet, was für einen persönlich wahr ist. Ich sah dies eher aus der Perspektive der Gesellschaft. Aber irgendwann begann dieser Gedanke so sehr in mir zu arbeiten, dass ich meine eigene Einstellung nicht länger hinnehmen konnte. Ständig predige ich, dass ich nicht nur an eine Wahrheit glaube und dann lasse ich an dieser Stelle keinen Widerspruch zu?! Schließlich gab ich die Suchbegriffe „weinen“ und „schädlich“ bei Google ein und siehe da, es gab mehrheitlich die Meinung, dass weinen sehr gesund ist. Weinen reinigt die Seele. So heißt es im Volksmund. Ein Sprichwort, dass ich völlig vergessen hatte. Man kann nicht zu viel weinen. Selbst wenn man an einer Depression erkrankt ist, ist nicht weinen das Problem, sondern, dass man sich sehr schlecht fühlt. Letztlich ist es dann doch besser diesem Gefühl Ausdruck zu verleihen, um gerade diesen inneren Stress abzubauen und wieder offen und frei für einen Entwicklungsprozess zu sein.

by preussicher Widerstand

Dienstag, 9. Juni 2015

Keep calm and do nothing


Tom Hodgkinson, der ungekrönte König der Faulenzer, Slacker, Karriereverweigerer und Aussteiger aus Großbritannien, hat, ganz pathetisch gesagt, mein Leben verändert.

Wie? Mit einer Reihe an Büchern, die auf geistreiche, amüsante und erhellende Weise darlegen, dass es auch ein Leben außerhalb des mühseligen und stumpfen Arbeiten-Konsumieren-Schlafen-Laufrads gibt, und zwar ein sehr fideles und inhaltsreiches.

Seine radikale Devise lautet: „Hört auf zu arbeiten!“ Damit ist nicht allein die totale Arbeitsverweigerung gemeint, sondern u.a. auch das Umsteigen auf eine Halbzeitstelle, keine Überstunden mehr zu machen oder das Einlegen eines Sabbatical-Jahrs. Die dadurch gewonnene freie (besser: befreite) Zeit kann dann dem gewidmet werden, was das Dasein erst lebenswert und kostbar macht: Müßiggang, schöpferisch tätig sein, spielen, lieben, feiern, lernen. Das dadurch weniger verdiente Geld setzt natürlich voraus, dass man seine materiellen Bedürfnisse herunterschraubt und lernt, mit weniger auszukommen.

Das Buch, das ich am beeindruckendsten finde und nach vielen Jahren immer noch regelmäßig zur Hand nehme, ist „How to be free“ (oder „Die Kunst, frei zu sein“, ich empfehle jedoch die englische Ausgabe). Mit zahlreichen geschichtlichen Ausführungen und Zitaten skizziert Hodgkinson Entwicklung, Zustand und Folgen des kapitalistischen Systems, mit besonderem Augenmerk auf die heutige Arbeitswelt mit ihrer unfrei machenden Moral. 




Der Schriftsteller kann sich jedoch nicht nur gut beklagen, sondern er macht auch originelle und vorallendingen konkrete Vorschläge, wie man persönlich Abstand von der Tretmühle und ihren leeren Versprechungen gewinnen kann.

Er schreibt keine Weltrettungsliteratur, ruft nicht zur großen Revolution auf der Straße auf. Das darf man nicht erwarten. Aber für manch' eine desorientierte und vom Alltagsleben gepeinigte Person können seine Bücher kleine Lebensretter sein. Zumindest sind sie das für mich.


Donnerstag, 4. Juni 2015

Montag, 25. Mai 2015

Beziehungsbullshit


Beziehungen lösen keine Probleme, wirklich 0,0 Probleme. Wer einsam ist, ist in den meisten Fällen einsam, weil er sich selbst keine gute Gesellschaft ist und nicht, weil er keine gute Gesellschaft (keinen guten Partner) hat. Wer sich selbst nicht Liebe und Zuwendung entgegen bringen kann, wird auch nicht aufrichtig Liebe empfangen und geben können. Wer sein Leben als sinnlos empfindet, wird durch eine Beziehung nicht auf einmal das Ei des Columbus und das Geheimnis des Lebens entdecken. Wer Depressionen hat, wird von diesen nicht dadurch geheilt, dass man jemanden hat.



Wie so viele andere auch war und bin ich der „Erlösungslüge“ aufgesessen, die Christiane Rösinger in ihrem Buch „Liebe wird oft überbewertet“ als eine der stärksten Mythen in Bezug auf Beziehungen beschreibt: nämlich der Glaube daran, dass Beziehungen einen blitzfix von sämtlichen Krisen und existenziellen Fragestellungen befreien und alle anderen persönlichen Bedürfnisse des Menschen quasi in Luft auflösen.



Diese Überzeugung, dass man ja nur DEN oder DIE Richtige/n finden (und halten) muss, um endlich glücklich zu werden, erleichtert und erschwert das Leben gleichzeitig, und zwar enorm, in beide Richtungen. Erst einmal ist es ungemein erleichternd, wenn man sich das ganze Grübeln, Hadern und kritische Hinterfragen ersparen kann, da man die Endlösung für Alles schon parat hat: das Auffinden und Anbandeln mit dem „perfekten“ Beziehungspartner, der jetzt aber mal flugs für Ordnung und Zufriedenheit sorgt. Jedoch muss man auch diesen vermeintlichen „Erlöser“ auf Leben und Tod in der Beziehung halten, was Druck, Angst, Abhängigkeit, Eifersucht, Ohnmacht und andere, unschöne Gefühle erzeugt. Und das nennt man dann „Liebe“. „Weil Liebe ja schmerzhaft sein muss“.



Wie heißt es: „Ich brauche dich“ ist das Gegenteil von „Ich liebe dich“.



Ein guter Zeitpunkt, um anzufangen, für sich und seine Probleme Eigenverantwortung zu übernehmen und nicht darauf zu hoffen, dass das jemand anders für einen tut (professionelle Hilfe nicht mit inbegriffen).

Dienstag, 19. Mai 2015

Jeder ist seines Glückes Schmied - (Un-)sinnsprüche



Irgendwie habe ich Sprichwörter noch nie gemocht. Als Kind hatte ich ein dunkelblaues Poesiealbum mit einer Pfauenfeder vorne drauf. Schon da konnte ich mit den Sinnsprüchen wenig anfangen. Trotzdem war ich beleidigt, wenn meine Mitschüler nicht reinschreiben wollten. Das war noch vor Instagram- und Facebook-Likes.
Das Problem an Sprichwörtern und Sinnsprüchen ist, dass sie wie eine goldene Münze sind. Sie haben immer zwei Seiten. Auf den ersten Blick spiegeln sie scheinbar die allgemeingültige Wahrheit einer ganzen Gesellschaft, vielleicht sogar der ganzen Menschheit wider. Aber auf den zweiten Blick sind sie bloß großer Mist, der nicht so ganz durchdacht ist. Lebensweisheiten to go. Nur leider gibt es Einsicht und Weisheit nicht am Drive-In.
by preussischer Widerstand
Ein besonderer Lieblingssatz von mir ist: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Hmm. Das klingt toll. So voller Selbstwirksamkeit und Möglichkeiten. Ich muss nur wollen und mich richtig anstrengen, dann kommt das Glück auf Engelsflügeln zu mir angeflogen.
Diese Aussage berücksichtigt nur nicht, dass im Leben nicht alles planbar und kontrollierbar ist. Sie unterschlägt einfach die Möglichkeit, dass ich trotz aller Anstrengung scheitern kann. Und dann? Ja, dann bin ich selber schuld.
Menschen, die achselzuckend an mir vorbei gehen und in einem gleichgültigen Ton zu mir sagen: Jeder ist seines Glückes Schmied, sind in meinen Augen asozial. Sie entziehen sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung.
Natürlich ist es unbestritten, dass wir Menschen die Verantwortung für unser Leben übernehmen sollten. Obwohl es manchmal auf den ersten Blick schwer erscheint, so ist es doch für das persönliche, wie auch für das Glück der anderen sehr lohnenswert, diese Mühe auf sich zu nehmen. Aber zum einen kann ich dann die Frage stellen: Was ist Glück, wie es auch Pasota hier schon getan hat. Und die zweite Frage, die direkt im Anschluss auftaucht, ist die, wie sehr ich es überhaupt festhalten kann. Schließlich ist alles Glück ziemlich flüchtig. Oder ist es schon einmal irgendwem gelungen, auch nur einen Moment festzuhalten? Zufriedenheit wäre da schon das realistischere Ziel.
Aber gut. Wie heißt eine andere „Lebensweisheit“ so schön: Das Leben ist kein Ponyhof. Und ein Wunschkonzert schon gar nicht.

Montag, 4. Mai 2015

Still in einer extrovertierten Welt




Extrovertierte Menschen sind mir immer suspekt gewesen. Von Kindesbeinen an waren mir Partys oder Festivitäten, wo die Erwachsenen mit geröteten Wangen schrill und laut lachten und sich stundenlang unterhalten konnten, seltsam fremd. Als Teenager fiel es mir schwer, mich am Unterricht zu beteiligen. Wenn der Lehrer Fragen stellte, brauchte ich eine Weile um meine Gedanken zu sortieren und schwupps – hatte sich in der Zwischenzeit schon ein anderer Schüler gemeldet, dessen Aussagen zwar nicht besonders gehaltvoll, dafür aber unendlich ausschweifend waren. Lange Vorträge, auf Kommando sich präsentieren waren nie mein Ding. Ich brauche Vorbereitungszeit. Trotzdem war ich von meinem Wesen her mein Leben lang selbstkritisch und habe alles hinterfragt. Über die Jahre habe ich ein gutes Auge für Details entwickelt. Denn während die anderen herumgeplappert haben, habe ich meine Umgebung beobachtet. Es versteht sich daher von selbst, dass ich tiefsinnige Gespräche oberflächlichem Smalltalk vorziehe. Leider ist das nicht immer ein Vorteil, um neue Leute kennen zu lernen.
In einer lauten Welt, wo ausschließlich Leistung, gepaart mit Schnelligkeit zählen und angeblich zum Erfolg führen, ist es oft nicht einfach sich entsprechend zu behaupten und deutlich zu machen, dass dieses Verhalten nicht der einzige Weg ist. 

Vor einigen Monaten fiel mir ein Buch in die Hände, mit dem Titel „Die Macht der Introvertierten“ von Marti Olsen Laney. Ich gebe zu, dass mir das Etikett der Introversion früher eher wie ein Makel vorkam. Bei introvertierten Menschen denkt man an Mathe-Nerds mit Nickelbrille, die schüchtern und langweilig in der Ecke stehen, weil ihre sozialen Kompetenzen bei dem letzten Computerspiel endgültig verkümmert sind. Oder man denkt an die kleine Bibliothekarin, die in ihrem grauen Pullover und einem Dutt hinter dem Schalter sitzt und liest. Selbst ich ertappte mich oft bei dem Gedanken und wollte bloß nicht in solch eine stereotype Schublade gesteckt werden. Also versuchte ich mich anzupassen. Schließlich wollte ich nicht als langweilig gelten. Aber das verbraucht mehr Kraft, als es gibt.
Die Lektüre des Buches von Olsen Laney hat mir aber die Augen geöffnet. Seither kann ich mit diesem Thema entspannter umgehen und möchte an dieser Stelle alle Introvertierten ermutigen zu ihrer Wesensart zu stehen. Sie ist nämlich toll!
Als ich mich mit diesem Thema weiter beschäftigte, stolperte ich bei meiner Recherche auch über introvertierte berühmte Persönlichkeiten. Menschen wie Charles Darwin, Woody Allen, Clint Eastwood, Angela Merkel und sogar Barack Obama waren und sind introvertiert.

Hier ein paar Fakten über Introvertierte:

  1. Introvertierte stellen ein Viertel der Weltbevölkerung. Es gibt dazu folgende Erklärung: Extrovertierte schreiten schneller zur Tat und kommen rascher mit anderen Menschen in Kontakt. Doch sie bleiben dabei auch mehr an der Oberfläche und durchdenken die Dinge nicht immer so tiefgehend. Introvertierte dienen hier als Berater und Denker, die Projekte und Dinge langfristig vorbereiten. Da es aber für die aktive und konkrete Umsetzung mehr Menschen benötigt, als für die Planung, gibt es auch entsprechend mehr Extrovertierte.
  2. In den seltensten Fällen ist ein Mensch weder ausschließlich extrovertiert noch introvertiert. Die Tendenzen und Grenzen sind da genauso fließend, wie bei allen anderen Charakterausprägungen auch. 
  3. Introvertierte sind grundsätzlich nicht ungesellig. Sie genießen und schätzen Gesellschaft und nette Leute wie jeder andere auch. Allerdings brauchen sie dafür keine riesigen Partys. Eine Gruppe von netten, vertrauten Leuten tut es genauso gut.
  4. Introvertiertheit hat weder etwas mit sozialer Phobie, noch mit Schüchternheit zu tun. Wobei Introvertierte natürlich trotzdem darunter leiden können. Extrovertierte allerdings auch. 
  5. Introvertiert oder Extrovertiert - diese Veranlagung ist angeboren. Doofe Sprüche von Eltern oder Lehrern, wie "Reiß dich mal zusammen" oder "Geh doch mal mehr aus dir heraus." helfen da herzlich wenig.
  6. Introvertierte unterscheiden sich in ihrer Art von Extrovertierten, wie sie Energie verbrauchen und wieder aufladen. Während extrovertierte Menschen ihre Lebenskraft daraus ziehen von möglichst vielen Menschen umgeben zu sein und sich mit ihnen auszutauschen, verbrauchen Introvertierte auf diese Art eher Energie. Um neue Kraft zu tanken brauchen sie daher häufiger auch mal Ruhe und genau dies sollte man auch respektieren.

Das Thema könnte ich sicherlich noch weiter vertiefen. Aber ich belasse es erst Mal an dieser Stelle dabei. Vielleicht mag sich ja jemand outen? ;)