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Samstag, 20. Februar 2016

Linker Nazi



Szene in der Düsseldorfer Straßenbahn:



Ein Pärchen steht im Gang. Er im schwarzen Ledermantel und Docmartens. Das lange schwarze Haar hängt lose über die Schultern. Die Haut ist blass von dunklen Kellern, in denen zu viel Metall-Musik gespielt, noch mehr WOW gezockt und Bier gesoffen wurde. Sein Mantel ist mit diversen Aufnähern verziert. Unter anderem durch die mit einer Sicherheitsnadel befestigte Applikation mit der Aufschrift „Gegen Nazis“, um die linksorientierte Gesinnung zum Ausdruck zu bringen.

Das Gespräch mit der Freundin ist angeregt, wenn nicht gar aufgeregt. Schließlich geht es um was. Man könnte sagen, um einen zwischenmenschlichen Konflikt mit der leichten Tendenz zum Rassismus. Was wollte auch dieser scheiß Kanake von ihm. Dieser dumme Türke. Das Arschloch konnte nicht mal richtig Deutsch.

Am liebsten wäre ich zu ihm gegangen und hätte ihm seinen Aufnäher abgerissen und dabei geschrien: „Du bist gerade degradiert worden. Abtreten und über die Scheiße nachdenken, die du gerade geredet hast.“ Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass Leute einem hin und wieder auf den Sack gehen. Aber sich über andere zu erheben, in dem sie auf ihren mangelnden Deutschkenntnissen herum hacken, ist ungefähr so armselig, wie sich zu freuen, dass die wacklige Oma nicht mehr so schnell rennen kann, wie man selbst. 

Mittwoch, 25. November 2015

Dylan Moran in the house


by Preussischer Widerstand

"We all gonna die." - das ist die Message des Abends, der Tour, des gesamten Lebens von Dylan Moran. Wer ihn nicht kennt, und das ist im deutschsprachigen Raum recht wahrscheinlich, stelle sich einen misanthropischen, versoffenen, zynischen, ungepflegten Iren im mittleren Alter vor, der ziemlich geniale Comedy macht. Existenzialismus und die Abstrusitäten der menschlichen Zivilisation sind Dylans Leib-und-Magen-Themen, die er mit aberwitzigen Vergleichen, erstaunlich präziser Mimik- und Stimmenimitation, sowie ostentativ herausgestelltem Schwermut illuminiert.

by Simons101 on sharethefiles.com

Auch an diesem Abend im Düsseldorfer Savoy-Theater liefert er dem internationalen Publikum (es sind u.a. Briten, Iren und Amerikaner anwesend) grandiosen Stand-Up. Meine Freunde und ich kannten ihn bisher hauptsächlich aus seiner schon etwas älteren Serie "Black Books", in der er einen trunkenen, menschenhassenden Londoner Buchhändler verkörpert. Diese Rolle hat er sich quasi auf den Leib geschrieben. Denn Dylan macht nur geringe Unterschiede zwischen seinem Bühnen-Ich, der Serienrolle und seiner persönlichen Art. Wein trinken, laut werden, krabitzig und höhnisch sein, sardonisches Gelächter und Traurigkeit sind die Konstanten in allem was er tut. Und er tut es verdammt gut.

Und zwar so gut, dass er als erster westlicher Comedian in Russland auftreten durfte. Liegt es vielleicht am traditionell russischen Faible für Melancholie und die dunklen Seiten des Lebens? Die existenziellen Fragen nach Tod, Leere und Sinn sind unpolitisch, besser noch, überpolitisch. 

As you can see, Dylan Moran is not afraid to ask the right questions.






Mittwoch, 11. November 2015

Das Recht Schnaps zu trinken – Obdachlose



Als ich siebzehn war und voller herrlicher Naivität, (die sich bis heute in mancher Hinsicht leider erhalten hat), dachte ich, dass ich einem Obdachlosen kein Geld geben dürfte, weil ich damit nur seinen Drogen- und Alkoholkonsum unterstützen würde. Und Drogen und Alkohol sind natürlich schlecht. Stattdessen sagte eine Freundin zu mir, dass ich diesen Leuten lieber ein belegtes Brötchen kaufen sollte. Nun überstieg es die Höhe meines Taschengeldes jedem Bettler ein belegtes Brötchen zu kaufen und ehrlich gesagt war ich auch ein bisschen zu schüchtern dafür. Also gab ich nichts und fühlte mich schlecht. War das die Lösung? Nein. 

Ich überwand mich eines Tages und kaufte schließlich dieses verdammte Brötchen. Aufgeregt steuerte ich den nächsten Obdachlosen an, in freudiger Erwartung, wie er auf meine Gabe reagieren würde. Doch er schüttelte bloß den Kopf. Er wollte lieber einen Döner. Empört und gekränkt stampfte ich von dannen. Einen Döner? Wie bitte? Und vielleicht noch ein bisschen Kaviar dazu?

Wie kann dieser Mann meine Geste der Barmherzigkeit einfach so abschmettern? Tja, er kann es, weil er’s kann. Ganz simpel.

Ich habe etwas gebraucht, bis ich verstanden habe, dass es nicht meine Aufgabe ist, darüber zu richten, wofür ein Obdachloser das Geld ausgibt, welches ich ihm freiwillig gebe. Schließlich brauche ich auch keine verurteilenden Blicke von meinem Chef, wenn ich den Lohn, den er mir auszahlt, in chinesisches Essen und teuren Wein investiere. 

Überhaupt ist es wohl ein wenig vermessen zu glauben, man könne durch Brötchenkauf einen Menschen vom Drogenkonsum abhalten oder durch die Verweigerung von Geld ihn ‚erziehen‘. Schon peinlich, dass ich das mal gedacht habe. Aber wie gesagt, ich war jung und fand es voll logisch.

Selbstverständlich wäre es wohl am einfachsten den Menschen zu fragen, was er braucht und wie es ihm geht. Nun bin ich einfach nicht der Typ, der fremde Leute auf der Straße anquatscht, egal ob sie obdachlos sind oder im Anzug herum laufen. Aber ein paar Mal haben sich doch kurze Gespräche ergeben. Eines ist mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben.

Mein Freund und ich sind auf der Königsallee an einem Obdachlosen vorbei gelaufen, der ein ganzes Schuhputzset vor sich ausgebreitet hatte. Er trug eine Schiebermütze. Aufrecht und mit hinter dem Rücken verschränkten Armen stand er da und wartete auf Kundschaft. Ich blickte hinunter auf die Schuhe meines Freundes. „Man, die könnten aber auch mal wieder geputzt werden. Die sind super dreckig. Was meinst du? Sollen wir zu diesem Mann gehen?“ Wir blieben stehen, schauten uns an und berieten uns. „Echt? Ist das nicht komisch? Sich so von einem anderen die Schuhe putzen zu lassen? Wirkt so wie ein fetter Kapitalist, der auf den Schuhputzer herabblickt.“ 

Szenen aus Charles Dickens Romanen tauchten vor meinem inneren Auge auf. Aber was ist die Alternative für diesen Mann? Wenn niemand zu ihm geht, um die Dienstleistung, die er anbietet, anzunehmen, weil niemand der fette Kapitalist sein möchte, hat er für diesen Tag auch nichts davon. 

Also entschlossen wir uns zu ihm zu gehen. Voller Begeisterung machte er sich an die Arbeit. Wir fragten ihn, wo er denn die tolle Ausrüstung her hätte und mit leuchtenden Augen erzählte er uns, wie er sie mühsam zusammen gespart hätte. „Den Kasten, wo sie ihren Fuß drauf stehen haben, habe ich für 75€ aus einem Antiquitätenladen. Es ist mein wertvollster Besitz. Aber es erleichtert mir die Arbeit. Sonst müsste ich mich so tief bücken, was in den Rücken geht.“ Der Mann erzählte uns vom harten Leben auf der Straße und das er seit über einem Jahr trocken sei. Aber er hätte in letzter Zeit einige Tagelöhnerjobs in Aussicht und dies sagte er nicht ohne Stolz in seiner Stimme.
Eigentlich redete er die ganze Zeit und wir hörten ihm bloß zu. Am Ende wünschten wir ihm Glück bei seinen weiteren Bemühungen. Es hatte nichts von diesem harten Unten-/ Obengefälle, welches wir befürchtet hatten.

Auch wenn solche Begegnungen bei mir doch eher selten sind, glaube ich, dass ein ehrliches, freundliches Lächeln und einen schönen Tag wünschen, es häufig auch schon tun. Und natürlich ein paar Euros dalassen. ;)

Freitag, 9. Oktober 2015

Hassliebe Düsseldorf

Düsseldorfer Stadtdenkmal - diese Stadt wurde auf Mord und Totschlag gebaut



Ich beobachte folgende Szene. Eine große Kreuzung, menschenleer. Gemächlich fährt ein älterer Herr mit seinem klapprigen Rad darüber. Langsam kommt ein Auto heran gefahren. Der Fahrer reckt sich nach vorn um besser sehen zu können. Plötzlich hupt er den Radfahrer aggressiv an. Bäm! Da ist die Stadt, wie ich sie täglich erlebe.

Düsseldorf entspann dich mal.


Seit ich hier wohne verbindet mich mit dieser Stadt vorallendingen eins: Eine grandiose Hassliebe. Wäre Düsseldorf ein Typ – meine Freundinnen hätten mir längst zu Trennung geraten. Diese Stadt ist so ziemlich das komplette Gegenteil von dem, wo ich vorher gewohnt habe. Zuerst auf dem Land, schließlich fast acht Jahre in Münster, wo Fahrradfahrer ein selbstverständlicher Teil des Straßenverkehrs und die Tatortkommissare Börne und Thiel unsere Regionalhelden waren.
Seit fünf Jahren wohne ich mittlerweile in Düsseldorf und kann mich nicht entscheiden, ob ich diese Stadt hasse oder liebe.
An manchen Tagen denke ich: Es gibt hier absolut nichts Schönes. Überall Baustellen, Junkies und aufgespritzte Lippen, die einen nackten Dackel an der Leine führen. Was mich besonders nervt, ist diese notgeile Fixierung auf Konsum. Am Samstag ist die Stadt brechend voll von Menschen, die unter einem Wochenendausflug ernsthaft eine Shoppingtour über die Königs Allee verstehen.
Irritierend finde ich dabei diese Extreme. Da hockt der Penner, übersät mit Krätzen am ganzen Körper, der vor Müdigkeit und Erschöpfung immer wieder nach vorne kippt und in letzter Sekunde rechtzeitig wieder aufwacht, bevor er mit dem Kopf auf den Asphalt knallt und neben ihm geht die vollkommen in schwarz verschleierte Araberin mit Prada-Handtasche am Arm auf dem Weg in den Chanel-Store, der für sie anschließend extra geschlossen wird, damit sie in Ruhe shoppen kann.
Gestern Nachmittag war ich in der Altstadt in einer Kirche, weil ich neugierig war, wie sie von innen aussieht. Dabei habe ich es mir zur Angewohnheit gemacht immer eine Kerze anzünden, egal ob jüdischer Tempel oder griechisch orthodoxe Kirche. Ich mag den kontemplativen Moment und die Besinnung auf das Gute im Leben. Voller Güte und Zufriedenheit im Herzen zünde ich mir also eine Kerze an und plötzlich höre ich hinter mir diese Worte: „Ist ja klar. Mal wieder das schlechte Gewissen beruhigen, wa?“ Ich drehe mich um. Da sitzt die alte Schrapnelle, neben so einem Renterrollköfferchen in der Kirchenbank, völlig verschleimt von der ganzen selbstgerechten Gehässigkeit. Wortlos gehe ich weiter und ernte zum Abschied ein hämisches Lachen.

Wieder denke ich nur: Düsseldorf entspann dich mal.






Doch Düsseldorf entschuldigt sich immer auf seine ganz eigene Weise bei mir, auch wenn es mir niemals verspricht, dass solche Dinge nie wieder vorkommen. Zum Beispiel mit einem Herren, der am Nachbartisch im Cafe sich verschluckt und seinen Milchkaffee seiner Gesprächspartnerin komplett ins Gesicht und überall sonst hin sprüht. Aber Spaß beiseite. Ich bin immer noch ganz angetan von der Vielfältigkeit dieser Stadt. Düsseldorf hat praktisch zu jedem Land einen eigenen Festtag. Japantag, Frankreichtag, Chinatag. Ich liebe jeden einzelnen von ihnen und besuche sie immer wieder gerne. Auch gibt es hier Theaterfeste und viele schöne Cafés. Mein Lieblingscafé, in dem ich ungefähr einmal die Woche zu finden bin, ist eine griechische Bäckerei im griechischen Viertel am Hauptbahnhof. In der Regel ist sie immer voll und bietet Kuchen, der zum Niederknien ist. Und die Griechen verstehen es mal wirklich sich nach der Arbeit zu entspannen.


Donnerstag, 24. September 2015

Eine Frau und ihr Fahrrad - Eine Bitte

by preussischer Widerstand


„Komm, gib mal her.“ Ein älterer Typ mit leicht osteuropäischem Akzent, der aussieht wie Julian Assange und offensichtlich in der Kindertagesklinik gegenüber meiner Wohnung arbeitet, nimmt mir den Fahrradreifen aus der Hand. Seit zehn Minuten hatte ich versucht einen neuen Fahrradschlauch unter den Mantel zu frimmeln. Nicht, dass dieser Mann das mitbekommen hätte. Er hat lediglich gesehen, dass ich versuche mein Fahrrad selbstständig zu reparieren. Nachdem ich ihm wortlos den Reifen überlasse, stopft er energisch den Schlauch in den Mantel und gibt ihn mir mit den süffisanten Worten zurück: „Aber aufpumpen kannst du ihn jetzt selber, oder?“

Also, fürs Protokoll: Ich habe nicht um Hilfe gebeten. Im Gegenteil. Als ich beschloss den Platten am Vorderrad meines Fahrrades zu reparieren, habe ich sogar überlegt, ob ich es nicht lieber im Keller unseres Hauses machen soll, anstatt im Hof, um genau solch eine Situation zu vermeiden.

Was ich für eine Situation meine?! Männer, die kommen und glauben, mir helfen zu müssen. Die glauben, sie würden mir einen Dienst erweisen, weil ich als Frau ja grundsätzlich nicht in der Lage bin, technische oder handwerkliche Vorgänge zu verstehen. Oh, da ist eine Schraube dran. Nee, da bin ich raus.
     
Ja, ich habe noch nicht oft einen Reifen geflickt oder gewechselt. Warum nicht? Weil kein Mann die Geduld hatte, es mir vernünftig beizubringen. Um dieser Hilflosigkeit zu entkommen, habe ich es mir mit Youtube-Videos selbst beigebracht. Gott sei Dank kann man ja heutzutage alles googlen. Ein Fahrradmechaniker hat mir dann alles in seinem Video ruhig erklärt und mir nichts aus der Hand gerissen, weil ich es nach fünf Minuten immer noch nicht hinbekommen habe. Verdammt noch mal, ich will die Zeit dafür haben, die ich eben dafür brauche. Wie soll ich es denn sonst lernen? Dann mühe ich mich eben 2 Stunden im Hof ab und bitte dann um Hilfe, wenn es gar nicht anders geht.
Stattdessen ärgere ich mich über mich selbst, dass ich mir wie ein kleines Mädchen den Reifen habe abnehmen lassen. Warum habe ich nicht gesagt, dass ich erstens nicht geduzt werden und zweitens nicht ungefragt Hilfe aufgedrängt bekommen möchte? Ach ja, weil ich keine undankbare Zicke sein wollte. Sagen wir doch, wie es ist. Hätte ich es abgelehnt, hätte ich dieses abschätzige Lächeln geerntet, a la: Ach, wie süß. Die will das allein machen. Mal sehen wie weit sie kommt.

Da hier in der Regel eher Männer kommentieren: Ihr müsst euch nicht angesprochen fühlen, da mir schon bewusst ist, dass nicht jeder Mann so ist und ebenso wenig möchte ich hören, dass es ja genug Frauen gibt, die sich extra hilflos stellen, damit sie nichts selbst machen müssen. Das hier ist kein Text, bei dem ich mich für irgendein Geschlecht ausspreche. Was mich nervt sind die Menschen, die in Rollenklischees denken. Solche Menschen, die sich überhaupt keine Gedanken darüber machen, was ihr Verhalten in anderen auslöst. Sobald mir ein Mensch, warum auch immer, dass Gefühl vermittelt, dass ich aufgrund meines Geschlechtes irgendwie weniger fähig oder für irgendetwas eher geeignet bin, kotzt mich das an. Selbst wenn es nett gemeint ist.


Sonntag, 20. September 2015

#KunstundKonfetti: ein Abend mit MC Fitti


Du siehst mich auf jeder Vernissage- Du auf'm Fixie, ich auf'm Dixi- Alles scheiße, Kunst ist für'n Arsch. 

MC Fitti, "Fitti mit'm Bart"


Als hochintellektuelle und kulturell interessierte Artverwandte des Bildungsbürgertums konnten Preussischer Widerstand (PW) und ich (Pasota) uns nicht der gestrigen Eröffnung der Ausstellung "EGO UPDATE- Die Zukunft der digitalen Identität" im Düsseldorfer NRW-Forum entziehen. Ich-Bezogenheit, Narzissmus, Selbstdarstellung und Online-Persönlichkeit sind die Schlagwörter, auf die sich die Ausstellungsstücke beziehen. Passenderweise hatte man den hippen Gute-Laune-Rapper und selbsternannten "Selfie-Gott" MC Fitti geladen, der eine Bronzebüste seines Konterfeis mit einer Performance einweihte.

Wie ich den Auftritt fand und was PW in der Ausstellung und im Museumsshop gesehen hat, berichten wir euch folgend im Detail.


Der Auftritt


Die MC Fitti-Performance ist sehr exklusiv. Nur 70 Leute werden gegen Aufgeld zur Blackbox aka der Bühne im abgesperrten Ausstellungsraum zugelassen. Der Rest, zu dem PW, ich und unsere liebe Freundin gehören, drückt sich als Zaungäste im Foyer und Café herum, wo eine mittelgroße Leinwand die Geschehnisse im Inneren überträgt. Nach einer Verspätung von 15 Minuten, in denen die Zuschauerschaft hypnotisiert auf einen Bildschirmschoner in ironischer Windows 95-Vaporwave-Optik stiert, geht es los. Der 'Selfie-Gott' stürmt in seinem typischen signaturelook (Cap + Sonnenbrille + Bart + Grinsefresse) in den knallbunten Holzverschlag und startet mit seiner Hipsterhymne „Yolo“. Der Sound ist miserabel, das Mikro zu leise, der Bass zu laut, die Akustik der Backsteinvorhalle verzerrt alles zu einem undefinierbaren Discogelärme. Der Rapper legt jedoch, begleitet von einer tanzenden Plüschmaus, eine energetische Performance hin und schafft es, das mitunter steife und vergeistigte Kunstpublikum zum wippen und lächeln hinzureißen. Direkt vor PW's und meinen Augen tut sich ein absurdes Bild auf: ein asiatischer Kunstsammlertyp älteren Semesters, ganz in schwarz gekleidet, mit Hut, runder Sonnenbrille und Lederstiefelletten, genießt zu seinem teuren Abendessen mit Weißwein die trashige Darbietung und lässt es sich nicht nehmen, verzückt ein paar Filmaufnahmen mit seinem Smartphone zu machen. Ich denke darüber nach, wie schwer es mir fällt, MC Fittis Zielgruppe einzugrenzen. PW hingegen träumt von dem Bratwürstchen, das der Asiate auf seinem Teller hat. Plötzlich knallt ein Konfettiregen als Höhepunkt und Finale auf uns herab. Nach nur 5 Songs, darunter sein bekanntester Hit „Whatsapper“, „Fitti mit'm Bart“, „Geilon“ und „30 Grad“, endet die Show und Fitti kann seiner Lieblingsaufgabe nachgehen: Selfies mit seinen zahlreichen großen und kleinen Fans machen und eine nice Stimmung verbreiten.


Hurra! Konfetti!



Die Gadgets - Museumsshop


Nachdem im Foyer etwas Ruhe eingekehrt ist, drücken wir uns für eine Weile im Museumsshop herum. Wir wollen schließlich sehen, mit welchen Gadgets wir unser eigenes perfektes Selfie kreieren können. Neben ‚Do-it-Yourselfie-Guides‘, wo für den geneigten Egomanen in zahlreichen Bildern beschrieben wird, wie er sich drehen und verbiegen muss, um das Beste aus seinem Ich herauszuholen, finden sich auch lustige Verkleidungen für Babys (man kann ja mit der Selbstinszenierung schließlich nie früh genug anfangen) und Selfie-Sticks von geschätzten 8 Metern Länge. Anschließend gibt jeder sein Best-of  an Geschichten von Selfieunfällen, die jeder für sich den Darwin-Preis verdient hätten. Ich sag nur Selfie in der Achterbahn.


Big Dislike übrigens für diese Stempel. Obwohl vielleicht sollte man die auf der Behörde einführen. Ich habe da so Ideen fürs Jobcenter oder das Bundesamt für Flüchtlinge. Ironie off.


Die Ausstellung


Gleich im ersten Ausstellungsraum werden wir mit Selfies konfrontiert, die in ihrer Darstellung so banal und doch in ihrer Anordnung auch irgendwie faszinierend auf mich wirken. Gähnende Menschen. Plötzlich beginne ich zu erahnen, wie viel Milliarden an Fotomaterial sich im World-Wide-Web befinden muss. Diese Sehnsucht der Menschen jeden Moment unsterblich zu machen, sich als etwas besonders zu fühlen, sich wie auch immer auszudrücken, erschlägt mich fast ein bisschen. 

Mein preussisches Gehirn beginnt wieder herum zu philosophieren: Ist das die Angst vor dem Verfall und dem Tod, die uns ständig antreibt, uns so auf diese Weise zu produzieren? Schließlich gab es zu jeder Zeit und in jeder Epoche Selbstportraits. Nur, dass im Mittelalter natürlich nicht jeder dazu fähig war, sich selbst zu zeichnen. Daher haben wir auch nur die großen Meister wie Dürer, Van Gogh oder Rembrandt auf die Leinwand gebannt. Würden sie, wenn sie heute lebten, auch lieber „künstlerische“ Selfies von sich machen? Schließlich ist das so viel einfacher. 



Heaven is a halfpipe. So zeigt sich das nächste Kunstobjekt von Erik Kessels mit dem Titel „My Feet“. Mein Dangermouse-Herz schlägt höher als ich feststelle, dass es sich hier um Erlebniskunst handelt. Ich bin kein Freund davon, mir Kunst nur pseudointellektuell aus der Distanz anzugucken. Die Halfpipe kann über eine Treppe bestiegen werden. Während Pasota noch ein wenig mit ihrer Höhenangst hadert, die sie dann aber tapfer besiegt, schaue ich mir schon mal genauer an, was hier in unzähligen Bildchen abgebildet ist. Füße. Füße in Schuhen, Socken, Zehen im Sand und auch einige Füße, bei deren Betrachtung wir uns einig sind, dass derjenige damit dringend zum Arzt sollte. Warum fotografieren wir uns Stinkemauken? Ich gebe ehrlich zu, dass ich es selbst auch schon einige Male getan habe, was unter anderem die Fotos oben beweisen.


Besonders beeindruckend finden wir unter anderem eine Bilderserie von dem britischen Fotograf und Videokünstler Robbie Cooper. Er thematisiert das ‚Alter Ego‘. Dabei hat er Gamer neben ihren Avataren abgebildet. Man könnte ja meinen, dass die Avatare und ihr Erschaffer, wie bei unserem milchgesichtigen Jungen hier, sich völlig unähnlich sind, doch ich war erstaunt, wie ähnlich manche Onlinespieler ihren Figuren im Netz sahen. Nicht alle nutzen ihre Phantasie, um in eine wirklich ganz neue Rolle zu schlüpfen. Ich denke, dieses Thema hätte sogar eine eigene Ausstellung verdient.



Das Beste habe ich mir natürlich bis zum Schluss aufgehoben. Die Ausstellung hört nämlich nicht in den Toilettenräumen auf. Wie auf der Kirmes, wo man seinen Kopf durch eine mit einer fetten, bärtigen Frau bemalten Bretterwand stecken kann, waren hier die Spiegel mit sogenannten Selfie Templates abgeklebt. Sich beim Händewaschen lesbischen Fantasien hinzugeben ist schon interessant. Leider war unsere liebe Freundin etwas zu klein, um ihr Gesicht in der Spiegelfläche ansehen zu können. Aber was wäre das Selfie, ohne die ganzen Legionen der Instagram-Babes, die rund um die Uhr für Männerfantasien verfügbar sind? Wie es wohl auf der Herrentoilette aussieht?!

Für alle Interessierten: Die Ausstellung geht noch bis zum 17.01.2016

alle Fotos by preussischer Widerstand