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Dienstag, 29. März 2016

Action gegen die Stille im Kopf


Wenn man unter Depressionen leidet, bildet man sich ein, alle Anderen führten ein erfülltes und glückliches Leben voller Liebe, Leidenschaft und bedeutsamer Erfahrungen und man selbst sei der Einzige, der mit Gefühlen der inneren Leere und Sinnlosigkeit der eigenen Existenz zu kämpfen habe. Man (oder besser gesagt: ich) will das auch, was „die“ haben, will die Fantasie leben, die mir schöne Reisefotos, rotwangig strahlende Mittdreißigerfrauen auf Fixie-Rädern, fesch gekleidete Paare in Altstadt-Bistros und Vice-Artikel über die geilsten Studenten-WG-Parties versprechen. Große Verzweiflung und Selbstvorwürfe, als ich nach zahlreichen kräftezehrenden Anläufen und Therapien begreife, dass ich der ersehnten Eingliederung in das große Kollektiv der „Ich führ' ein geiles Leben“-Menschen kaum näher gekommen bin.

Doch ist das überhaupt ein lohnenswertes Ziel? Mittlerweile hege ich den Verdacht, dass sich viele meiner Mitmenschen einfach bessere Verdrängungsmechanismen angeeignet haben, die sie glauben machen, sie seien nicht von Einsamkeit, Stumpfsinn oder der nicht klärbaren Frage nach dem „Warum?“ betroffen. Denn das sind keineswegs Belange, die ausschließlich Depressionserkrankte betreffen. Warum sollten Alle außer mir eine „magische Formel des Glücks“ kennen, die den gähnenden, tiefschwarzen Schlund der Vergeblichkeit, den ich in jedem menschlichen Wesen vermute, stopft?

In Zeiten der säkularisierten westlichen Gesellschaft, in der Religionen als Bereitsteller von Sinn und Antworten stark an Bedeutung verloren haben, werden persönliche Hobbies und Lifestyles zum sinn- und identitätsstiftenden Element verklärt. Was suchen denn Workaholics, Extremsportler, Fitnessfreaks, Öko-Asketen, Shoppingsüchtige, Feierwütige und politische Extremisten in ihren Obsessionen? So etwas wie einen Daseinszweck, oder zumindest eine Zerstreuung von dem, was sich im Inneren abspielt und unangenehm anfühlt. Aus dem Bedürfnis heraus, sich niemals den eigenen Abgründen stellen zu müssen, entstehen Neurosen, pervertierte Ideologien und emotionale Abhängigkeiten von Profanitäten wie Geld oder den „richtigen“ Lebensmitteln.

'Viele Dinge tun' wird gleichgesetzt mit 'ein erfülltes Leben führen'. Wer sich viel erarbeitet, viel konsumiert, viel reist, viel feiert, viel Sport macht, viele soziale Kontakte knüpft oder viel kreiert, weiß, wohin mit sich und wie er mit dem riesigen Berg Lebenszeit umgehen soll. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum ich mir im Vergleich zu Anderen so bräsig vorkomme: ich mache viel weniger. Ich habe an den genannten Aktivitäten nur mäßiges Interesse. Ich stecke nicht drin. Schaffe es nicht, in das Glücksprogramm einsteigen. Kann nicht einschätzen, in welchem Umfang diese Tatsache depressionsbedingt oder eher eine generelle Leidenschaftslosigkeit hinsichtlich gesellschaftlicher Beschäftigungsmaßnahmen ist.

Mir fällt leider auch nichts Anderes gegen die Stille im Kopf ein. Kann es also nicht besser machen. Laufe nur immer wieder mit Kawumms in die gleichen Sackgassen und beneide die Leute, die bis zum Ende im Kreisverkehr rennen.



Dienstag, 23. Februar 2016

„Tiere sind viel besser als Menschen! Sie haben mich noch nie enttäuscht!“


Solche Sachen sagen wohl sozial Beeinträchtigte, die sich nicht eingestehen wollen, sozial beeinträchtigt zu sein. „Menschen sind sooo scheiße, ich werde immer belogen und betrogen und verlassen und ich kann gar keinem mehr vertrauen“. Weinerlich die Opferhaltung einnehmen. Immer den Fehler bei den Anderen, im Außen suchen. Und nicht den Gedanken zulassen, dass es vielleicht an den eigenen verkorksten Beziehungsmustern und Erwartungshaltungen liegen könnte, warum man immer an Leute gerät, die einen enttäuschen.

Stellt euch mal vor, die ganze Menschheit wäre nicht von Grund auf verdorben und böse (obwohl das ein sehr verführerischer Gedanke ist), sondern ein komplexes Netz sozialer Interaktionen, in dem jedes Individuum eigenverantwortlich agiert und reagiert. Ein System, das man vielleicht als schlecht und ungerecht empfinden kann, dessen Teil man jedoch immer ist und welches man immer, immer, auch unfreiwillig mitbeeinflusst. Vor der regelmäßigen Konfrontation mit seinen eigenen Gefühlen, Beweggründen und Handlungsmustern, besonders den destruktiven und selbstschädigenden, sollte man deshalb keine Angst haben. Natürlich ist es einfacher, sich mit allem möglichen Kram abzulenken. Schwieriger ist es, sich selbst mit der eigenen Fehlerhaftigkeit und Ängsten auszuhalten.

Ich gehöre übrigens auch zu den sozial Beeinträchtigten. Und es wäre ein leichtes, den ganzen Wichsern, die mich über Jahre gemobbt und gepeinigt haben, die Alleinschuld für mein vermurkstes Dasein zu geben. Aber ich weiß, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als das Erlebte zu bearbeiten und verstehen zu lernen, warum ich so fühle und handle, wie ich es heute tue.

Und mal ehrlich, das kann einem kein Haustier, so niedlich und liebenswert es auch sein mag, der Welt abnehmen.


Sonntag, 24. Januar 2016

Du bist nicht so wichtig, wie du glaubst.


Jeder nimmt sich selbst bierernst. Nicht viele gestehen es sich zu, gelegentlich Abstand von sich selbst und seinen Befindlichkeiten zu nehmen. Befindlichkeiten überhaupt sind die Wegweiser. Grundlage jedes Disputs, jeder egoistischen und verletzenden Aktion, jedes gekränkten Stolzes. Eine zeitweise Distanzierung von der Ideologie seines Egos wird als Schwäche, Unterordnung gewertet. Bloß nicht abweichen, nachgeben, Meinungen revidieren. Über uns selbst lachen? Sind wir dafür nicht alle zu verbohrt? Ich soll Rücksicht auf die Befindlichkeiten der anderen kleinen Sonnenkönige nehmen. Darf kein Wort tiefgehender Kritik oder des Unverständnisses fallen lassen, es sei denn, ich habe das Bedürfnis, einen verbitterten Glaubenskrieg zu führen, der jede Seite in ihrer Position bestärkt.

Meinungen sind Schall und Rauch. Doch derweil (oder: seit jeher?) das wichtigste Kriterium, um herauszufinden, ob ein Mensch Freund oder Feind ist. Nicht jede Meinung hat was mit Wertvorstellungen und Idealen zu tun, sonst könnte man sich diesen Umstand ja noch erklären (wer gegen Menschenrechte ist, ist halt einfach ein Feind). Stattdessen lassen wir oft genug banale Fragen des Geschmacks unsere Beziehung zu anderen Menschen bestimmen. Geschmacksfetischismus. In Stein gegossene Paradigmen der eigenen Vorlieben, die wir mit Klauen und Zähnen verteidigen, als ginge es um was. Dabei geht es nur selten um was. Den Großteil der Zeit sind wir einfach nur anmaßend. Weisen dem Ich und seinen Absonderungen in die Außenwelt eine übergroße Bedeutung zu.

Eines Tages flippe ich vielleicht im Bus aus und brülle die anderen Passagiere an; dass sie unwichtig sind und irrelevant im Weltenlauf, einer Selbsttäuschung aufgesessen, um die Sinnlosigkeit ihres Daseins verkraften zu können etc. etc. Dann würde ich mich selbstzufrieden in den Sitz fallen lassen und mich selbst so unheimlich besonders fühlen, weil ich ja alles durchschaut habe. Der kleine Sonnenkönig in mir freut sich prächtig über diese Streicheleinheit, schon jetzt, bevor ich überhaupt den Plan umsetzen konnte.

Mittwoch, 25. November 2015

Dylan Moran in the house


by Preussischer Widerstand

"We all gonna die." - das ist die Message des Abends, der Tour, des gesamten Lebens von Dylan Moran. Wer ihn nicht kennt, und das ist im deutschsprachigen Raum recht wahrscheinlich, stelle sich einen misanthropischen, versoffenen, zynischen, ungepflegten Iren im mittleren Alter vor, der ziemlich geniale Comedy macht. Existenzialismus und die Abstrusitäten der menschlichen Zivilisation sind Dylans Leib-und-Magen-Themen, die er mit aberwitzigen Vergleichen, erstaunlich präziser Mimik- und Stimmenimitation, sowie ostentativ herausgestelltem Schwermut illuminiert.

by Simons101 on sharethefiles.com

Auch an diesem Abend im Düsseldorfer Savoy-Theater liefert er dem internationalen Publikum (es sind u.a. Briten, Iren und Amerikaner anwesend) grandiosen Stand-Up. Meine Freunde und ich kannten ihn bisher hauptsächlich aus seiner schon etwas älteren Serie "Black Books", in der er einen trunkenen, menschenhassenden Londoner Buchhändler verkörpert. Diese Rolle hat er sich quasi auf den Leib geschrieben. Denn Dylan macht nur geringe Unterschiede zwischen seinem Bühnen-Ich, der Serienrolle und seiner persönlichen Art. Wein trinken, laut werden, krabitzig und höhnisch sein, sardonisches Gelächter und Traurigkeit sind die Konstanten in allem was er tut. Und er tut es verdammt gut.

Und zwar so gut, dass er als erster westlicher Comedian in Russland auftreten durfte. Liegt es vielleicht am traditionell russischen Faible für Melancholie und die dunklen Seiten des Lebens? Die existenziellen Fragen nach Tod, Leere und Sinn sind unpolitisch, besser noch, überpolitisch. 

As you can see, Dylan Moran is not afraid to ask the right questions.






Sonntag, 8. November 2015

Serdar Somuncu: der Hassias gibt ein Heimspiel




Serdar Somuncus erste Handlung nach Abklingen des frenetischen Begrüßungsapplauses ist, uns 1600 Kackwurstschnüfflern (wie er seine Anhänger liebevoll nennt) zu verbieten, zu fotografieren oder zu filmen. Er wolle nicht, dass auf Youtube aus dem Zusammenhang gerissene Statements, wie zum Beispiel „dass er gern auf Juden abjizzt“ hochgeladen werden und er sich dann mit lästigen Briefen von Juden herumschlagen müsse. Wegen solcher Sprüche sind wir alle gekommen, die Halle ist jetzt schon begeistert.

In den folgenden zwei Stunden feiern wir eine Hassiasmesse (offiziell „H2 Universe“), die sich gewaschen hat. Serdar, der selbst ernannte Führer und Gott seiner Hassistensekte, predigt: jede Minderheit hat das Recht auf Diskriminierung. Wer ihn kennt, weiß von den flächendeckenden und bis ans Limit getriebenen Beleidigungen und Verhöhnungen, die er Schwulen, Juden, Schwarzen, Behinderten, Dicken, Ausländern etc. etc. zukommen lässt. Er dreht auf, regt sich dermaßen übertrieben über Muslime, RTL-Redakteure, Öko-Hipster-Nazis, Kölner, Kosovo-Albaner, Bettler und „Whooo“-Schreier aus dem Publikum auf, dass auch der Letzte erkennen muss, dass Serdar hier eine Karikatur, eine bis zur Übelkeit überzeichneten Parodie eines rassistischen und menschenverachtenden Arschloches inszeniert. Doch hätte Serdar nichts anderes drauf als ordinäre Provokationen, würde er wohl nicht seit 30 Jahren erfolgreich auf der Bühne stehen.

Serdar ist einer der reflektiertesten, skeptischsten, unabhängigsten und mutigsten Künstler, die ich kenne. Er stellt sich unbequeme Fragen, beispielsweise, ob wir nicht doch in tausend Kleinstdiktaturen leben, an denen wir teilhaben, ohne es zu wissen. Ob es okay ist, sich als fettbäuchiger und verwöhnter West-Europäer anzumaßen, über Wohl und Wehe hunderttausender Menschen in Not zu entscheiden. Ob wir nicht doch alle lenkbares Menschenmaterial sind, das sich von multimedialer Dauerberieselung verblenden lässt. Wie es sein kann, dass es im Jahre 2015 immer noch deutschen Rechtsradikalismus gibt. Was wir dafür können, dass Integration scheitert.

Diese Fragen stellt er auch uns, dem Publikum, welches an diesem Abend immer wieder zwischen derbem „Harrharr“-Lachen, nachdenklicher Ernsthaftigkeit und Melancholie schwankt. Serdar bietet eine unvergleichliche Mischung aus Vulgarität, Intellektualität und Tiefe, die er am Schluss mit einem zu Tränen rührenden, selbst geklimperten und gesungenen Gospelsong krönt. Er hat übrigens eine grandiose Soulstimme. Wie passend.



Eine Kostprobe Serdars Redekünste:




Dienstag, 18. August 2015

Die Langeweile tötet dich.


Schon sehr früh verstand ich, was der wahre Fluch des Lebens ist. Der wahre Fluch des Lebens ist weder die Arbeit, noch die Sinnlosigkeit des Daseins, nicht einmal der Schmerz oder die Krankheit: der wahre Fluch des Lebens ist die Langeweile. Nur wer die Langeweile bezwingt, lebt. Nur wer es schafft, etwas anderes zu tun, als die Zeit totzuschlagen, verdient es, zu sagen: "Ich habe gelebt" . 


Vladimir in: "El corrector", Ricardo Menéndez Salmón, Übers. Pasota

 

Freitag, 12. Juni 2015

Noch ein überflüssiger Blog - Metagedanken




Als Pasota und ich beschlossen, dass wir einen Blog gründen wollen, dachte ich natürlich auch über den Nutzen dieser Sache nach. Obwohl der Blog als solches in Deutschland lange nicht so etabliert ist, wie etwa in Amerika, wo es eine Menge Berufsblogger gibt, so gibt es letztlich doch auch hier genug davon. Weshalb also noch weitere Gedanken und Worte in die Unendlichkeit des Nichts schicken, Worthülsen, Dinge, über die nun wirklich schon jeder gesprochen hat, nur um zu hoffen, dass dies irgendwer liest? Haben wir es echt so nötig? Haben wir überhaupt etwas Gewichtiges zu sagen? Hat der Kram irgendeinen Nährwert oder ist alles schon so oft durchgekaut worden, dass es null Mehrwert mehr hat?

Ich erinnerte mich an ein Seminar in Mediävistik aus meinem Germanistikstudium. Mein Professor sprach über die Nennung und Reflexion der eigenen Person in der mittelalterlichen Lyrik. Der Autor spricht über sich selbst, erzählt etwas von sich. In unserer Zeit ist dies absolut nichts Ungewöhnliches. Im Gegenteil. Oft beklagen wir uns eher darüber, dass jeder Z-Promi demnächst ein Buch herausbringen will und die Trolle eine Spur der Verwüstung in jedem Forum und jeder Kommentarfunktion hinterlassen.

Aber im Mittelalter war kostbares Papier, das mühsam mit der Hand beschrieben und nur von wenigen überhaupt gelesen werden konnte, den Heldenliedern und christlichen Themen vorbehalten. Ein Autor, bzw. eine Person, die über sich und ihre Ansichten schrieb, war extrem selten. Selbst die Liebeslyrik, die den Eindruck erweckt, da spricht jemand über sich und seine Gefühle, war weit davon entfernt, das echte, authentische Fühlen und Erleben des Autors widerzuspiegeln. Eher folgte er der Mode seiner Zeit und orientierte sich daran, was als schön und schick galt und sich gut zur Unterhaltung vor einer größeren Zuhörerschaft vortragen lies. In mancher Hinsicht, ist die heute vielleicht noch genauso.

Eine eigene Stimme in dieser lauten Welt

Für mich bedeutet Bloggen daher in erster Linie, eine eigene Stimme zu haben. Ob diese einen Mehrwert für die Allgemeinheit hat, ist für mich persönlich zweitrangig. Es muss jeder, der unseren Blog liest, für sich entscheiden, ob er für sich etwas daraus ziehen kann und vielleicht sogar seine eigenen Gedanken dazu formulieren möchte. Wir versuchen auf die Qualität unserer Texte zu achten und nicht ohne Sinn und Verstand herum zu schwafeln. Der Blog ist eine Möglichkeit sich auszuprobieren. Er hat definitiv Entwicklungspotential.

Nun bin ich leider kein Medien- und Marketingexperte, (Pasota leider auch nicht – sorry Pasota ;)) und deshalb wird unser Blog wahrscheinlich auch so vor sich hin dümpeln. Unsere Reichweite beschränkt sich bisher ja ungefähr auf ein Scheinwerferlicht in der Dunkelheit. Trotzdem stellen wir immer wieder an unseren Kommentaren fest, dass einige Leser sich schon ein paarmal öfter zu uns verirrt haben. Darüber freuen wir uns natürlich sehr. Was mich aber manchmal sehr irritiert, ist, dass nicht wenige Klicks aus den USA stammen. Da spekuliere ich noch ziemlich herum, weshalb das so ist. Vielleicht die NSA?!

So, jetzt bist du dran, lieber Leser! Hältst du bloggen für sinnvoll und wenn ja, beziehungsweise nein, weshalb? Ich bin gespannt auf deine Gedanken.

Dienstag, 19. Mai 2015

Jeder ist seines Glückes Schmied - (Un-)sinnsprüche



Irgendwie habe ich Sprichwörter noch nie gemocht. Als Kind hatte ich ein dunkelblaues Poesiealbum mit einer Pfauenfeder vorne drauf. Schon da konnte ich mit den Sinnsprüchen wenig anfangen. Trotzdem war ich beleidigt, wenn meine Mitschüler nicht reinschreiben wollten. Das war noch vor Instagram- und Facebook-Likes.
Das Problem an Sprichwörtern und Sinnsprüchen ist, dass sie wie eine goldene Münze sind. Sie haben immer zwei Seiten. Auf den ersten Blick spiegeln sie scheinbar die allgemeingültige Wahrheit einer ganzen Gesellschaft, vielleicht sogar der ganzen Menschheit wider. Aber auf den zweiten Blick sind sie bloß großer Mist, der nicht so ganz durchdacht ist. Lebensweisheiten to go. Nur leider gibt es Einsicht und Weisheit nicht am Drive-In.
by preussischer Widerstand
Ein besonderer Lieblingssatz von mir ist: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Hmm. Das klingt toll. So voller Selbstwirksamkeit und Möglichkeiten. Ich muss nur wollen und mich richtig anstrengen, dann kommt das Glück auf Engelsflügeln zu mir angeflogen.
Diese Aussage berücksichtigt nur nicht, dass im Leben nicht alles planbar und kontrollierbar ist. Sie unterschlägt einfach die Möglichkeit, dass ich trotz aller Anstrengung scheitern kann. Und dann? Ja, dann bin ich selber schuld.
Menschen, die achselzuckend an mir vorbei gehen und in einem gleichgültigen Ton zu mir sagen: Jeder ist seines Glückes Schmied, sind in meinen Augen asozial. Sie entziehen sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung.
Natürlich ist es unbestritten, dass wir Menschen die Verantwortung für unser Leben übernehmen sollten. Obwohl es manchmal auf den ersten Blick schwer erscheint, so ist es doch für das persönliche, wie auch für das Glück der anderen sehr lohnenswert, diese Mühe auf sich zu nehmen. Aber zum einen kann ich dann die Frage stellen: Was ist Glück, wie es auch Pasota hier schon getan hat. Und die zweite Frage, die direkt im Anschluss auftaucht, ist die, wie sehr ich es überhaupt festhalten kann. Schließlich ist alles Glück ziemlich flüchtig. Oder ist es schon einmal irgendwem gelungen, auch nur einen Moment festzuhalten? Zufriedenheit wäre da schon das realistischere Ziel.
Aber gut. Wie heißt eine andere „Lebensweisheit“ so schön: Das Leben ist kein Ponyhof. Und ein Wunschkonzert schon gar nicht.

Sonntag, 26. April 2015

Wenn ich an Gott glauben könnte


Wenn ich an Gott glauben könnte, dann wäre sehr vieles einfacher. Vorallendingen einfacher zu ertragen.

Ich müsste keine Angst mehr vor dem Tod haben, denn ich wäre mir gewiss, dass im Jenseits für mich gesorgt wird.

Ich müsste mir nicht fast täglich die Frage stellen, was der Sinn eines/ meines Daseins ist.

Ich könnte jeglichen Unbill und Krisen des Lebens leichter ertragen und meistern, ohne fortwährend daran zu zweifeln, wie und warum ich das überhaupt tun sollte.

Ich könnte Rituale und Strukturen folgen, die meinem Leben und der Zeit im Allgemeinen einen festen Rahmen geben.

Ich hätte Hoffnung und Mut und Zuversicht in Bezug auf die Zukunft.

Ich würde glauben zu wissen, wo mein Platz ist.


Leider ist Glaube keine Entscheidung, sondern Überzeugung. Und mich aus ichbezogenen Motiven heraus einer Selbsttäuschung hinzugeben und mir den Glauben einreden...das kann ich nicht, das will ich nicht. Auch wenn ein nicht geringer Teil von Angehörigen einer Religionsgemeinschaft scheinbar genau das kann und will. 


Es macht das Leben einfacher. Ich kann sie verstehen.

Samstag, 4. April 2015

Ich will kein Glückssklave sein!


Beschäftigt man sich mit Selbsthilfebüchern, psychologischen Ratgebern und Magazinen, die sich der Thematik einer "bewussteren" Lebensführung widmen, gibt es quasi nur eine Hauptmessage, die die genannten Medien vermitteln:

Egal was ist, Hauptsache du bist glücklich! Befreie dich von Allem, was dich unglücklich macht! (Und wenn du das nicht schaffst, ist dein Leben verwirkt!)

Das ist ja auch super, glücklich sein als oberste Priorität; das hört sich wirklich nach einem lohnenswerten Ziel an. Und sich selbstbewusst und eigensinnig über die inneren und äußeren Widerstände, die das Erreichen des Ziels verhindern, hinwegzusetzen, klingt auch toll nach einem selbstbestimmtem Leben. 

ABER dieser Vorsatz, unbedingt glücklich werden zu müssen, baut so einen unglaublich Druck auf. Ich finde, dieser Druck fühlt sich mindestens genauso drangsalierend und belastend an wie der handelsübliche Leistungsdruck, den man aus der Schul- und Arbeitswelt kennt. Klar will ich glücklich sein, wie der Großteil meiner Mitmenschen das auch will. Doch was wartet am Lebensende auf einen, wenn man es trotz aller Strampeleien letztendlich nicht geschafft hat, sein Ziel wenigstens für einen kurzen Zeitraum zu erreichen? 

Reue, Selbstvorwürfe, Bitterkeit und das Wissen, dass es das nun endgültig ist und man seine kostbare Erdenzeit unwiederbringlich verspielt hat. Es sei denn, man gehört zu den bewundernswerten Leuten, die gelernt haben, bedingungslose Selbstannahme und radikale Akzeptanz der geschehenden Dinge zu praktizieren.

Was mich persönlich so fertig macht ist die mantraartig eingebläute Alternativlosigkeit des Lebenssinns "glücklich sein". Wenn man sich allgemein mit dem Thema eines nonkonformistischen Lebensentwurfes auseinandersetzt, sei es nun in Hinblick auf Aussteigertum, Esoterik, Selbstversorgung, Veganismus oder Karriereverweigerung, läuft alles darauf hinaus, dass du auf jeden Fall deine Energie ins glücklich werden/sein investieren musst. Denn sonst wirst du ein innerlich toter Sklave, der mechanisch arbeitet und konsumiert, wie es von ihm verlangt wird.

Das finde ich einen sehr richtigen, wegweisenden Ansatz! Dennoch ist es beschissen, dass die Angst vor den Konsequenzen bei Nichtbeachtung der "Glücksmaxime" genauso quälend ist, wie die gegensätzliche Angst, seine Sklaven-Position in der Leistungsgesellschaft nicht aufrecht erhalten zu können.

Vielleicht können wir festhalten: Glück ist gut und Druck ist scheiße. Der Druck erstickt jeden potenziellen Funken Glück im Keim. 

Also, sich vielleicht einfach mal in den Moment fallen lassen und nicht so viel über Glück nachgrübeln.

Sonntag, 22. März 2015

Faulheit gibt es nicht


Faulheit ist die Todsünde Nummer 1 in der westlichen Welt.

Wer faul ist, hat Schlechtes verdient. Wer faul ist, ist ein Schmarotzer. Wer faul ist, kennt keine Moral und Sitte. Wer faul ist, gefährdet Wohlstand und Wachstum. Wer faul ist, verhöhnt die Gemeinschaft der fleißigen Arbeitnehmer. Wer faul ist, der setzt seine Daseinsberechtigung auf's Spiel.

Der (vermeintliche) Gegensatz 'fleißig vs. faul' scheint, zumindest in der kapitalistisch-neoliberal geprägten Gesellschaft, in seiner Signifikanz die uralte Unterteilung 'gut vs. böse' mittlerweile fast eingeholt zu haben. Oder besser gesagt: fast ersetzt. Denn Fleiß wird de facto als das Gute schlechthin angesehen und Faulheit als böse, lasterhafte Versuchung, der man nur selten nachgeben darf (wenn, dann höchstens in klar abgesteckten und fremdbestimmten Zeiträumen wie Wochenende, Urlaub, Feiertage).

Es lohnt sich, sich die generellen Fragen zu stellen:
Was soll der Begriff "Faulheit" eigentlich ausdrücken? Gibt es überhaupt "die Faulheit" per se?

Als "faul" wird meist Jemand bezeichnet, der körperlich inaktiv/ träge ist und keine Lust darauf hat, Ziele und Aufgaben zu erfüllen, die ein Anderer als sinnvoll und notwendig erachtet. Oft handelt es sich dabei um relativ banale Alltagstätigkeiten wie Haushaltspflege, Hausaufgaben, Erledigungen usw. Es kann sich aber auch auf grundsätzlichere Punkte wie Erwerbsarbeit oder langfristige Arbeit an der eigenen Gesundheit beziehen.

Der "Andere", der die Position des Mahnenden, Wissenden und Fürsorglichen einnimmt, wird irgendwann ungeduldig und ärgerlich, weil der "Faule" sich nicht nach den Ansprüchen des Anderen richtet, welche er selbst für vollkommen gerechtfertigt und richtig hält. Dabei handelt der Faule einfach nach seinen eigenen, momentanen Wertmaßstäben, die teilweise massiv davon abweichen, was der Großteil der (bürgerlichen) Mitmenschen für wichtig und erstrebenswert hält. Wie zum Beispiel das Erkämpfen einer hohen Position im Job, der Erwerb eines Führerscheins, wöchentlich Großputz machen oder der tägliche Gebrauch von Zahnseide. 

Nur weil der Faule in diesen Aspekten wenig Ambitionen zeigt, heißt das nicht, das er zwangsweise eine "faule Sau" ist und dass er seine Energie nicht leidenschaftlich in ganz andere Bereiche steckt (beispielsweise in: aus dem Fenster gucken, rauchen, lesen, Kaffee trinken, Kronkorken sammeln, Obdachlose bekochen, an die Decke starren, Go-Kart fahren).

Deshalb habe ich ein Problem mit dem Begriff "Faulheit": wenn Jemand "faul" ist, setzt er schlichtweg andere Prioritäten. Er erachtet andere Sachen als wichtiger und grenzt sich bewusst von den Erwartungen Anderer ab. Er leistet passiven Widerstand. Er entscheidet selbst, was in diesem Augenblick gut für ihn ist. 

Und das wiederum steht bei mir ganz oben in der Werteskala.


Mittwoch, 28. Januar 2015

Mach doch mal was Sinnvolles mit deinem Leben

Was bleibt, wenn man keines der Ziele, Pläne, Vorgehensweisen, die üblicherweise in unserer Gesellschaft als erstrebenswert gelten, für sich vollwertig annehmen kann? Fragt man Leute nach dem Sinn ihres Lebens, kommen häufig klar definierte Ziele und abgesteckte Bereiche: Karriere, einen erfüllenden Arbeitsplatz (was auch immer das konkret heißen mag), Partnerschaft, eigene Familie, manchmal auch Besitz, den man anhäufen und später an die nachfolgenden Generationen, die ja sowieso immer ganz, ganz wichtig sind, weitervererben kann. Altruistische Motive scheinen auch beliebt zu sein und die gehören zu den sehr wenigen, die ich als wirklichen Sinn für das Leben anerkennen könnte. Wenn es mich nicht so befremden würde, dass altruistische Taten ihrer Natur entgegengesetzt fast ausschließlich dazu dienen, sich selbst etwas Gutes zu tun (wie z.B. durch Gewissensberuhigung), wogegen ja eigentlich überhaupt nichts spricht, aber im Zusammenhang mit Altruismus fehl am Platz ist, wie ich finde.

Also, wenn einem das Prinzip "Karriere" zuwider ist und man die Arbeit an sich nicht in den Lebensmittelpunkt stellt, tut sich erstmal eine gähnende Leere auf, die einen im schlechtesten Fall erschreckt oder überfordert. Diesen potenziellen Schrecken vor der "leeren" Zeit erkenne ich beispielsweise daran, dass man im herbeigesehnten Urlaub oft keine Muße walten lässt, sondern ein ausgefülltes Aktivitätenmodell aufstellt, weil die Angst vor ungeplanten Zeitspannen riesig ist. Da ist plötzlich ganz viel Platz und Energie für neue Sachen und  andere Beschäftigungen, wenn man die Leere zulässt. Auch wenn ich vor einigen Jahren damit angefangen habe, mich von dem Gedanken des "Lebenssinns Arbeit" zu verabschieden, fällt es mir manchmal immer noch schwer, alternative Richtungen und Aufgaben zu finden, die mit wirklicher Erfüllung zu tun haben und nicht einfach nur nette "Beschäftigungen" sind. "Ja, dann geh doch lieber arbeiten, du weißt eh nicht, was du stattdessen willst", denken vielleicht einige. Und ich würde sagen: Nein. Hat man einmal eine persönliche Wahrheit für sich erkannt, vielleicht nach vielen Jahren der Verdrängung und Ablenkung, kann man diese nicht mehr beiseiteschieben und so tun, als sei sie nicht da. Das wäre, pathetisch ausgedrückt, Selbstverrat.

Was ist mit Partnerschaft, Familie? Ich möchte keine Kinder. Das Weiterbestehen der (deutschen) Menschheit ist nicht unbedingt eine besondere Herzensangelegenheit von mir. Den Mythos "Partnerschaft als alleiniges Lebensglück" sehe ich ganz nüchtern als "Ich mache mein Lebensglück von einer anderen Person abhängig". Gelungene, intensive, liebevolle Beziehungen sind sicherlich sehr schön und können einem tolle Jahre bereiten. Aber kann mein Sinn wirklich in jemand Anderem verankert sein? Und ab der Trennung ist das Leben dann wieder sinnlos?
Ich stelle die hehre Behauptung auf, dass das Leben immer von dem Grundton Sinnlosigkeit geprägt ist. Und das dieser Grundton übertönt wird von gesellschaftlich propagierten Sinnkonstrukten wie Arbeit, Partnerschaft und Kindern. Diese bilden natürlich die Grundlage des menschlichen Zusammenlebens. Aber sind sie deshalb zwangsweise sinnstiftend?

Am Ende bleibt (mir) wohl nur der im besten Sinne hedonistische Ansatz, in meiner Lebenszeit irgendwie glücklich und zufrieden zu werden. Wie das geht? Weiß ich nicht.