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Donnerstag, 21. April 2016

Stuckrad-Barre ist zurück...

  
via Rheinische Post 

...und er liebt ihn immer noch, den großen Auftritt. "Bumping Ben" ist nach einem fünfzehnjährigen Tief wieder auf der Bildfläche erschienen und zwar mit nicht weniger als einem autobiographischen Bestsellerroman mit dem Namen  "Panikherz". Vor einigen Tagen kam er dann ins ausverkaufte Zakk in Düsseldorf, um vor knapp 400 Leuten, die schon sehnsüchtig auf Neuigkeiten vom gefallenen und phönixartig wiederauferstandenen Popliteraten der späten 90er/frühen 2000er warteten, zu lesen. 

Die Eckdaten seiner Karriere und vorallendingen seiner Verfehlungen dürften Dank einer ausführlichen medialen Aufbereitung noch Einigen in Erinnerung sein. Auf's allerkürzeste heruntergebrochen: Anfang 20 riesige Erfolge als Schriftsteller und Musikjournalist, Ruhm, große Klappe, Shitstorms, Bulimie, Kokainsucht, Alkoholmissbrauch, zahlreiche gescheiterte Klinikaufenthalte und Therapien, immer dabei das musikalische Idol Udo Lindenberg, der letztendlich auch die Rolle des Retters einnimmt.

Nun hatte er nach 9 Jahren des clean-Seins die nötige Energie und Ordnung im Kopf, um alles, was zwischen Geburt und Gegenwart geschah, auszuformulieren. Und das, ohne einen prätentiösen oder larmoyanten Ton anzuschlagen. Noch immer weiß Stuckrad-Barre seine Leserschaft mit scharfsinnigen, ironischen, klugen und lustigen Betrachtungen zu begeistern; auch wenn es diesen mittlerweile an dem für BvStB eigentlich charakteristischen bitterbösen Zynismus (den ich in seinem Erstlingswerk "Soloalbum" so liebe) fehlt. Eine Vielzahl an Songzitaten, Anekdoten aus dem Showbiz und kulturellen Intertextualitäten verhindern, dass der Autor mit seiner bisweilen wirklich sehr dramatischen Lebensgeschichte in einen mitleiderregenden Betroffenheitsduktus abgleitet, der das Buch wirklich peinlich gemacht hätte.

Vorgestern Abend versprühte er, als wäre es nie anders gewesen, seinen liebenswerten Charme und nahm sich im Anschluss Zeit für persönliche Gespräche mit Fans. Und die Stagediving-Aktion im bestuhlten Saal ließ er sich natürlich nicht nehmen. Wir seien ja schließlich nicht bei Durs Grünbein im Goethe-Institut.


Dienstag, 19. Januar 2016

11 Dinge , die "Schulz & Böhmermann" zum neuen Stern am Fernsehhimmel machen.

by Musikexpress.de

#1Vorspann und Titelmusik sind sehr gut.

#2 Sybille Berg stellt die Gäste auf ihre typische ironisch-furztrockene Art vor und kann sich natürlich den ein oder anderen kritischen Kommentar nicht verkneifen.

#3 Jan Böhmermann. Bester Satiriker Deutschlands. 

#4 Olli Schulz, bekannt aus „Circus Halli Galli“, (hauptberuflich Liedermacher) co moderiert die Sendung. Und macht mit seinem lustigen, direkten und grundguten Wesen mehr her, als so mancher Gast.

#5 Die Gäste sind sehr unterschiedlich und werden bizarr kombiniert. Hoher Konflikt- und Unterhaltungswert (die alte Technik, kennt man schon aus Frauentausch).

#6 Es gibt keine feste Interviewordnung wie in anderen Talkformaten, sondern es findet ein Gespräch zwischen allen statt. Ein chaotisches Gespräch.

#7 Es wird sehr wenig geschnitten. Pannen und unangenehme Spannungen in der Runde muss der Zuschauer aushalten.

#8 Es darf über (fast) alles geredet werden.

#9 Die Gäste werden, wenn es sein muss, hart angepackt. Es gibt kein Wischi-Waschi-Konsens-Geplänkel.

#10 Jan und Olli denken sich alberne Gimmicks aus, die den beiden und manchmal auch den Gästen Spaß machen. 

#11 Nach Abgang der Gäste wird gezeigt, wie die Moderatoren das gerade Geschehene und Gesagte selbstkritisch kommentieren. 



Schulz & Böhmermann, Sonntags 22.45 Uhr auf ZDFneo oder vorab um 20.15 in der Mediathek.

Montag, 21. Dezember 2015

Kreativität für alle - "Big Magic" von Elisabeth Gilbert



Rezensionen, egal ob über Bücher oder Veranstaltungen sind hier auf dem Blog in der Regel nicht ganz so beliebt. Eigentlich schade. Dabei stecken wir immer ganz besondere Mühe in diese Posts.

Auch heute möchte ich wieder über ein Buch schreiben, dass mir sehr am Herzen liegt. Obwohl ich mit Vorbildern eigentlich nicht viel am Hut habe, gibt es doch ein paar Menschen, deren Art und Meinung ich sehr respektiere und denen ich einfach gerne zuhöre. Elisabeth Gilbert gehört eindeutig dazu. Gerade als Frau finde ich es immer wieder schwierig, Frauen in der Öffentlichkeit zu finden, die mich inspirieren und die ich schätzen kann. Leider muss ich dazu sagen, hat die Geschichte nur wenig Frauen hervor gebracht, die meinen Maßstäben genügt hätten. Fairerweise muss ich aber hinzufügen, dass es auch nicht besonders viele Männer gibt, von denen ich sagen würde, dass sie mich inspirieren. 

Aber zurück zum Buch oder viel mehr zur Autorin. Einige kennen sie vielleicht von ihrem Weltbesteller „Eat, Pray, Love“, welcher auch mit Julia Roberts in der Hauptrolle verfilmt wurde. Wahrscheinlich hören spätestens hier schon einige augenrollend auf zu lesen. War das nicht dieser Film, wo eine Frau auf einem Selbstfindungstrip durch drei Länder reist? Gähn. 

Doch man sollte da nicht vorschnell urteilen. Ich habe bereits einige ihrer Bücher gelesen und schätze ihre bodenständige, natürliche und witzige Art. Sie hat die seltene Gabe in einem hinreißenden Plauderton, leicht und selbstironisch über sich und ihre Erlebnisse zu fabulieren und dabei weder Tiefe, noch Echtheit vermissen zu lassen. Sie ist eine Frau, die sowohl Frauen, als auch Männer gern zum Kumpel hätten.
 
by preussicher Widerstand
Ihr aktuelles Buch „Big Magic“ hat sie dem Thema Kreativität gewidmet. Sicher ist dies ein sehr spezieller Bereich, von dem sich nicht jeder gleich angesprochen fühlt. Obwohl ich aus einer Familie mit kreativen Ambitionen stamme, zähle ich mich selbst eigentlich nicht zu dieser besonderen Spezies des kreativen Menschen. Dies liegt auch daran, dass ich bislang eine ziemlich eng gefasste Definition von Kreativität hatte. Spätestens nach der Lektüre dieses Buches habe ich aber begonnen diese zu überdenken. 

Kreativität gehört zum Wesen des Menschen

Der Grundtenor dieses Buches ist, dass Kreativität grundlegend im Wesen des Menschen verankert ist. Ohne diese wäre es dem Menschen aller Wahrscheinlichkeit nach, überhaupt nicht gelungen so lange zu überleben. Erfindungsreichtum, Leidenschaft, Phantasie – all diese Dinge machen uns als Menschen aus und wir werden ausnahmslos alle damit geboren. 

Sicher bedeutet dies nicht, dass wir alle Da Vincis oder Picassos werden. Aber auch hier stellt Gilbert die berechtigte Frage, wer eigentlich festgelegt hat, dass unsere Kreativität nur dann ausgelebt werden darf, wenn sie Dinge hervorbringt, die Geld und Ruhm einbringen. Besonders in unserer leistungsorientierten, effizienzfixierten Welt, wird gerne alles auf Nützlichkeit, bzw. Verwertbarkeit abgeklopft. Es ist aber ein Irrtum zu glauben, dass die selbst getöpferte Katzenstatue oder das handgestrickte Landschaftsbild nur einen Wert haben, wenn ein rotweinsaufender Typ, mit Hornbrille und Künstlerschal uns in der New York Times besprochen hat. 

Kreativität steht für sich.

Kreativität existiert unabhängig von Erfolg. Erfolg kann sich natürlich einstellen. Sicher ist es schön, wenn die Arbeit, die man in ein Projekt gesteckt hat, auch von anderen gewürdigt wird. Auch ist nichts anrüchiges dabei sein Glück zu versuchen. Aber letztlich ist es eben keine Voraussetzung dafür. 

Und die Autorin weiß wovon sie spricht. Trotz ihrem Weltbestseller, hat sie davor und auch danach einiges geschrieben, was sich nicht so gut verkauft hat. Die Messlatte schien mit einem Mal ziemlich hoch zu sein. Doch ihr Bedürfnis sich kreativ auszuleben wird aus einer ganz anderen Quelle, als der Sucht nach Ruhm und Anerkennung gespeist. 

Mit inspirierender Leichtigkeit spricht sie sehr persönlich und offen über ein Thema, welches in unserer Gesellschaft häufig nur einer kleinen gebildeten Elite vorbehalten bleibt. Sie bricht dabei das verkrustete Schubladendenken auf und lässt die vielen Widersprüche, die der Begriff der Kunst und Kreativität so an sich hat einfach ganz unbekümmert nebeneinander stehen. Sie versucht keine Definition. Ebenso wenig legt sie sich fest, wer für die Kunst geeignet ist und wer nicht. Sie macht nur eine Einschränkung. Wer kreativ schafft, muss auch bereit sein, hart zu arbeiten. Wobei sie deutlich darauf hinweist, dass sie damit nicht das Bild eines leidenden Künstlers im Kopf hat, der von Depressionen und Perfektionismus zerfressen seine Schaffenskrise in Alkohol ertränkt. Nein – für sie schließen sich Perfektionismus und Kreativität sogar vollkommen aus. Sie räumt mit der Vorstellung auf, dass man sich wie van Gogh ein Ohr für die Kunst abschneiden muss. Selbstzerstörung setzt keine kreativen Kräfte frei, sondern zerstört sie. 

Eine Sache, die wir gerne tun, ist eine Quelle der Freude und weiteren Inspiration. Vielleicht ist dies eine banale Erkenntnis. Auch erfindet Elisabeth Gilbert das Rad nicht neu. Dennoch finde ich wichtig, dass wir an diese Dinge immer wieder erinnert werden. Daher, als kleiner Tipp von mir, für alle die vielleicht noch ein Weihnachtsgeschenk suchen für Menschen, die dringend mal wieder ihren Malkasten oder ihr Schnitzwerkzeug aus der Schublade holen sollten, schenkt ihnen dieses Buch.

Ach, und falls noch jemand Bock hat, sich von dem Witz und Charme dieser Frau selbst überzeugen zu wollen, hier noch eine kleine Rede von Elisabeth Gilbert vor der

ICAN's Women's Leadership Conference





Kleine Anmerkung: Von dem Untertitel des Buches sollte man sich nicht in die Irre führen lassen. Klingt nach Selbsthilfebuch, ist aber für dieses Buch absolut falsch gewählt.
 

Samstag, 12. Dezember 2015

Plauderei mit Visa Vie

Visa Vie, die beliebte ehemalige Moderatorin und Interviewerin bei 16Bars.TV, hat Ende Oktober ein neues Interviewformat auf Youtube gestartet. In "Zum Goldenen V" empfängt die zauberhafte Dame ihre Gäste in einer Berliner Bar. Für zwei bis drei Stunden, wohlgemerkt.

by Visa Vie


Denn Visa liebt Qualitätsjournalismus und gibt sich nicht mit vorhersagbaren, oberflächlichen Fragen und Antworten zufrieden. 
Bisher hat sie sich Serdar Somuncu, Schwesta Ewa und Olli Schulz vorgenommen und aus diesen (zumindest für mich) sehr interessanten und eloquenten Persönlichkeiten durch ihre empathische und verbindliche Art so einiges herausgeholt, was  normalerweise nicht so freiherzig preisgegeben wird.

Das Interview besteht aus vier Teilen, die einzeln in regelmäßigen Abständen hochgeladen werden, um die geneigte Zuseherschaft nicht mit der Gesamtlänge zu überrollen. 
Zu Beginn wird mit Pfeffi-Schnaps vorgeglüht und sich mit Smalltalk in Redelaune gebracht. In der zweiten Phase "Redebedarv" beginnt das tiefergehende Gespräch und es wird über Themen diskutiert, die sich der Gast vorher aussuchen darf. Anschließend unternehmen Visa Vie und ihr Partner einen "Vreigang" (z.B. zur Erotikmesse oder zum Graffiti sprühen) und werden nach der Rückkehr in die Bar von einem musikalischen (Newcomer-)Act überrascht, der fleißig mitplaudern darf.

Schon jetzt hat "Zum Goldenen V" einen riesigen, unglaublich loyalen und emotional involvierten Zuschauerkreis, der nach gerade einmal knappen zwei Monaten Anlaufzeit jede Folge feiert und die Parts mit scharrenden Füßen erwartet.  

Eigentlich  würde ich sagen, dass so eine qualitativ hochwertige Sendung viel zu gut dafür ist, um nur auf Youtube ausgestrahlt zu werden. Andererseits ist das Format gerade so frisch und originell, weil Visa sich in keinster Weise nach den Vorgaben eines Fernsehsenders richten muss und bei der Planung und Durchführung freie Hand hat.

Ich wünsche Visa und uns, dass es noch viele, viele sehenswerte Folgen geben wird und dass ihr niemals der Charme oder spannende Interviewpartner ausgehen. 


Mittwoch, 25. November 2015

Dylan Moran in the house


by Preussischer Widerstand

"We all gonna die." - das ist die Message des Abends, der Tour, des gesamten Lebens von Dylan Moran. Wer ihn nicht kennt, und das ist im deutschsprachigen Raum recht wahrscheinlich, stelle sich einen misanthropischen, versoffenen, zynischen, ungepflegten Iren im mittleren Alter vor, der ziemlich geniale Comedy macht. Existenzialismus und die Abstrusitäten der menschlichen Zivilisation sind Dylans Leib-und-Magen-Themen, die er mit aberwitzigen Vergleichen, erstaunlich präziser Mimik- und Stimmenimitation, sowie ostentativ herausgestelltem Schwermut illuminiert.

by Simons101 on sharethefiles.com

Auch an diesem Abend im Düsseldorfer Savoy-Theater liefert er dem internationalen Publikum (es sind u.a. Briten, Iren und Amerikaner anwesend) grandiosen Stand-Up. Meine Freunde und ich kannten ihn bisher hauptsächlich aus seiner schon etwas älteren Serie "Black Books", in der er einen trunkenen, menschenhassenden Londoner Buchhändler verkörpert. Diese Rolle hat er sich quasi auf den Leib geschrieben. Denn Dylan macht nur geringe Unterschiede zwischen seinem Bühnen-Ich, der Serienrolle und seiner persönlichen Art. Wein trinken, laut werden, krabitzig und höhnisch sein, sardonisches Gelächter und Traurigkeit sind die Konstanten in allem was er tut. Und er tut es verdammt gut.

Und zwar so gut, dass er als erster westlicher Comedian in Russland auftreten durfte. Liegt es vielleicht am traditionell russischen Faible für Melancholie und die dunklen Seiten des Lebens? Die existenziellen Fragen nach Tod, Leere und Sinn sind unpolitisch, besser noch, überpolitisch. 

As you can see, Dylan Moran is not afraid to ask the right questions.






Sonntag, 8. November 2015

Serdar Somuncu: der Hassias gibt ein Heimspiel




Serdar Somuncus erste Handlung nach Abklingen des frenetischen Begrüßungsapplauses ist, uns 1600 Kackwurstschnüfflern (wie er seine Anhänger liebevoll nennt) zu verbieten, zu fotografieren oder zu filmen. Er wolle nicht, dass auf Youtube aus dem Zusammenhang gerissene Statements, wie zum Beispiel „dass er gern auf Juden abjizzt“ hochgeladen werden und er sich dann mit lästigen Briefen von Juden herumschlagen müsse. Wegen solcher Sprüche sind wir alle gekommen, die Halle ist jetzt schon begeistert.

In den folgenden zwei Stunden feiern wir eine Hassiasmesse (offiziell „H2 Universe“), die sich gewaschen hat. Serdar, der selbst ernannte Führer und Gott seiner Hassistensekte, predigt: jede Minderheit hat das Recht auf Diskriminierung. Wer ihn kennt, weiß von den flächendeckenden und bis ans Limit getriebenen Beleidigungen und Verhöhnungen, die er Schwulen, Juden, Schwarzen, Behinderten, Dicken, Ausländern etc. etc. zukommen lässt. Er dreht auf, regt sich dermaßen übertrieben über Muslime, RTL-Redakteure, Öko-Hipster-Nazis, Kölner, Kosovo-Albaner, Bettler und „Whooo“-Schreier aus dem Publikum auf, dass auch der Letzte erkennen muss, dass Serdar hier eine Karikatur, eine bis zur Übelkeit überzeichneten Parodie eines rassistischen und menschenverachtenden Arschloches inszeniert. Doch hätte Serdar nichts anderes drauf als ordinäre Provokationen, würde er wohl nicht seit 30 Jahren erfolgreich auf der Bühne stehen.

Serdar ist einer der reflektiertesten, skeptischsten, unabhängigsten und mutigsten Künstler, die ich kenne. Er stellt sich unbequeme Fragen, beispielsweise, ob wir nicht doch in tausend Kleinstdiktaturen leben, an denen wir teilhaben, ohne es zu wissen. Ob es okay ist, sich als fettbäuchiger und verwöhnter West-Europäer anzumaßen, über Wohl und Wehe hunderttausender Menschen in Not zu entscheiden. Ob wir nicht doch alle lenkbares Menschenmaterial sind, das sich von multimedialer Dauerberieselung verblenden lässt. Wie es sein kann, dass es im Jahre 2015 immer noch deutschen Rechtsradikalismus gibt. Was wir dafür können, dass Integration scheitert.

Diese Fragen stellt er auch uns, dem Publikum, welches an diesem Abend immer wieder zwischen derbem „Harrharr“-Lachen, nachdenklicher Ernsthaftigkeit und Melancholie schwankt. Serdar bietet eine unvergleichliche Mischung aus Vulgarität, Intellektualität und Tiefe, die er am Schluss mit einem zu Tränen rührenden, selbst geklimperten und gesungenen Gospelsong krönt. Er hat übrigens eine grandiose Soulstimme. Wie passend.



Eine Kostprobe Serdars Redekünste:




Dienstag, 29. September 2015

Zeitschriften-Watch: GRAZIA


 GRAZIA, Nr. 40, September 2015



Kunstwerk (S. 13): eine 08/15-Jeans im Used-Look für 260 € wird als "Kunstwerk" bezeichnet. Wusste ich gar nicht, dass überteuerte Konsumartikel, die sich dem Mainstream-Geschmack anbiedern, jetzt als Kunst gelten.

Magersucht (S. 16f, S. 60ff): in Zuge eines investigativen Reports wird Victoria Beckham scharf dafür verurteilt, dass sie bei ihren Fashionshows nur ultradünne Mädchen laufen lässt, die sie angeblich dadurch in die Magersucht treibt. Dass nicht VB persönlich, sondern die komplette Modeszene und die Gesellschaft im Allgemeinen das dünne Schönheitsideal abfeiern und Frauen massiv unter Druck setzen, wird komplett ignoriert. Janusköpfig, wie jede andere Frauenzeitschrift auch, untergräbt GRAZIA ein paar Seiten weiter ihre heuchlerische Moralpredigt über Verantwortungsbewusstsein mit einer Modestrecke, die von einem Skelettmodel präsentiert wird.

Nazi (S. 20): Angelina Jolie's Messersammlung für Sexspiele ist ok, sagt die Redaktion. Aber dass Brad Pitt sich jetzt ein antiquiertes Motorrad aus dem Zweiten Weltkrieg gekauft hat, ist voll uncool. (Implizit: wen Artefakte des Zweiten Weltkriegs faszinieren, kann ja nur den Nationalsozialismus gut finden.)

Ryan Gosling (S. 22f): es wird gemutmaßt, dass Ryan sich von seiner Ehefrau Eva Mendes getrennt hat. Diese Vermutung basiert auf dem äußerst aussagekräftigen Indiz, dass Mendes letztens ein Interview gab, in dem sie -ach du Schreck!- kein einziges Wort über ihren Mann verlor. Die Schrapnells von GRAZIA können sich anscheinend gar nicht vorstellen, dass man auch als liierte Frau ein eigenständiges Leben führen kann. 

Band-T-Shirts (S. 24): die Leserinnen sollen sich flott ein paar "authentische" Band-T-Shirts von Slipknot, Van Halen und Konsorten bei H&M holen. Man muss schließlich den richtigen Look geshoppt haben, wenn man headbangen geht. Als Starbucks-verehrende GRAZIA-Leserin.

Transgender (S. 32): Shiloh, die Tochter von Brad und Angelina, ist vermutlich ein Mensch mit Transgender, weil sie gern kurze Haare trägt, mit Jungs spielt und den Namen "John" spitze findet. Okeydokey.

Dislike-Button (S. 36): GRAZIA fände einen Dislike-Button bei Facebook totaaal doof. Es gibt doch schon viel zu viel Hass im Internet. Lieber Peace, Love und Harmony! Kollektives Kuscheln statt Kritisieren erwünscht. 

Cara Delevigne (S. 38 f): das britische Model steht angeblich kurz vor dem Karriere-Aus, weil sie es gewagt hat, ihren Arbeitgeber Modeindustrie zu kritisieren: Modeln sei hohl und hätte ihre Seele aufgefressen. Die Zeitschrift findet, dass sie natürlich selbst Schuld ist, wenn sie nun nicht mehr gebucht wird. Hätte sie mal lieber ihre große, freche Klappe gehalten und brav und ergeben mitgemacht. 

Health Food (S. 54 f): eine superbusy Karrierefrau ist körperlich abgeschlagen und erschöpft. Ihre Lösung ist eine "gesündere" Art der Ernährung, welche so einseitig ist, dass sie ins Krankenhaus muss. Natürlich wird in dem Artikel an keiner Stelle das zugrundeliegende Problem benannt: die Frau lässt sich von der ewigen Tretmühle namens Karriere kaputt machen und doktert durch Veränderung der Ess- und Schlafgewohnheiten an den Erschöpfungssymptomen herum, anstatt an der Quelle des Leids zu arbeiten. 

Beziehung (S. 58 f): die Story einer im Kern unselbstständigen und hilflosen Endzwanzigerin, die ihren noch willigen Ex seit Monaten ohne schlechtes Gewissen ausnutzt. Er streicht ihre Wohnung, leiht ihr viel Geld, kutschiert sie umher und stellt dabei seine Bedürfnisse komplett zurück. Zwei beschissene Botschaften werden hier vermittelt: 1. Männer müssen Frauen jeden Wunsch von den Lippen ablesen, damit sie überhaupt den Hauch einer Chance bei ihnen haben. 2. Es ist natürlich und vollkommen ok, als Frau des 21. Jahrhunderts von der Hilfe eines Mannes so abhängig zu sein, dass man ohne ihn den Alltag nicht mehr gebacken bekommt.

Sonntag, 19. Juli 2015

Arbeit ist nicht unser Leben - Alix Faßmann


Alix sitzt auf der Arbeit vor ihrem PC. Alles zieht sich. Irgendwie macht das so keinen Sinn. Plötzlich schleicht sich ein Gedanke ein. Irgendwie passt da was nicht. Muss das alles so? Ist das eine Phase oder vielleicht sogar ein generelles Problem?

Kurzerhand beschließt sie, ihren Job zu kündigen. Sie plündert ihre Lebensversicherung und kauft sich ein altes, klappriges Wohnmobil, um damit Hals über Kopf nach Italien runter zu düsen. Raus aus dem Hamsterrad. Raus aus den Klauen des Meisters, der sich Arbeit nennt.

by preussischer Widerstand
Alix Faßmann, ungefähr mein Alter, ist Journalistin von Beruf. Sie blickt auf einen Musterlebenslauf zurück. Musterabi, Musterstudium, Mustervolontariat. Eine leistungsbereite und ehrgeizige junge Frau. Brav. Dann der erste Job als Redakteurin bei einer Berliner Tageszeitung und schließlich gelingt ihr der Coup bei der „großen Volkspartei“, wie sie die SPD nennt. Noch ein wenig Durchhaltevermögen, ein paar Überstunden, der Kopf im Rektum des Chefs und die Karrieremaschine hätte sie vollkommen verschlissen. Stattdessen entscheidet sie sich für die totale Verweigerung, wenn sie in der Einleitung ihres Buches „Arbeit ist nicht unser Leben“ schreibt:

„Ich wollte mir endlich einmal ganz genau die Widersprüche anschauen, die uns immer wieder in die Ecke treiben: Selbstverwirklichung und Selbstverwertung, Altersvorsorge und Nachwuchs, Rebellion und Gehorsam, Kreativität und Kontrolle. Und natürlich die vielbeschworene Krise, die uns weitermachen lässt, weil sonst alles den Bach runtergehen soll.“

Aus ihrer persönlichen Geschichte heraus beginnt sie grundsätzliche Fragen an das System von Arbeit, bzw. Arbeitslosigkeit zu stellen und zu diesem Thema zu recherchieren. Was bedeutet Arbeit in unserer Gesellschaft? Weshalb ist sie so ein zentrales Thema für die aller meisten von uns. Zunehmend zweifelt sie dieses von der vorherigen Generation gegebene Versprechen von Wohlstand und Sicherheit durch Arbeit an. Gilt das noch? Oder sollen wir nur glauben, dass es noch gilt, damit wir schön weiter kleine Rädchen bleiben?

Dieser Wandel von der vielversprechenden Karrieristin hin zur größten Kritikerin an Karriere und Arbeit macht in meinen Augen die Authentizität dieses Buches aus. Da spricht keine Systemverliererin, die einfach ein bisschen über die Ungerechtigkeiten stammtischmäßig meckern möchte. Außerdem lässt sie die Geschichten und Erfahrungen anderer Menschen miteinfließen und zeichnet so einen Querschnitt unserer Generation und deren aktueller Probleme nach.

Zwar steht im Titel „Anleitung zur Karriereverweigerung“. Wer hier allerdings einen Lebensratgeber a la „So kommst du aus deiner langweiligen und nervtötenden Arbeit raus“ erwartet, sollte lieber die Finger von diesem Buch lassen. Das ist kein weiteres von diesen Berufscoaching-Büchern, die dich zum erfüllenden Traumjob bringen sollen. Und ich muss sagen: Gott sei Dank.
by preussischer Widerstand

Dies ist ein politisches Buch mit einer radikalen Kampfansage an den gegenwärtigen Turbokapitalismus. So versucht Alix Faßmann ihre Verweigerung auch konsequent zu Ende zu denken und entscheidet sich nicht für eine verträumte Weltflucht. Die Lösung des Problems sieht sie nicht in der Gründung einer alternativen Kommune oder einer Partei. Stattdessen wird sie sehr aktiv und erschafft in Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten im Internet das Haus Bartleby – Zentrum für Karriereverweigerung. Obwohl ich diesen Ort grundsätzlich gut und wichtig finde, ist die Gestaltung der Page ein wenig unübersichtlich und schwer zu handeln. Ich fürchte, dass die Jungs und Mädels daran noch ein wenig feilen müssen. Aber nichts desto trotz möchte ich unbedingt die Reiter „Kinemathek“ (Werkreihe) und „Kapitalismustribunal“ empfehlen. Sehr informativ.

Alix Faßmann, Arbeit ist nicht unser Leben, Lübbe Verlag, ISBN 978-3-7857-6104-5